Ist das Volk ein Paar?

September 13, 2008

Mehr Frauen als Männer hätten vor den Fernsehern gesessen und sich das Spiel Deutschland-Türkei während der vergangenen Männer-Fußball-Europameisterschaft angesehen, schlagzeilte die Bildzeitung wenige Tage nach dem Ereignis und feierte, dass „König Fußball immer weiblicher“ werde. Zwei Jahre davor hatten etliche Zeitungen stolz verkündet, dass der Anteil von Frauen beim öffentlich-kollektiven Hymne-absingen vulgo Fan-Feste beinahe die Hälfte betragen hatte. Die weiblichen Fans, hieß es in einer dpa-Meldung zur EM, hätten zum nationalen Rausch im „Deutschland-Bikini“ und mit „schwarz-rot-goldener Körperbemalung“ sehr wohl „ihren Teil beigetragen“ zur guten Laune. Was Publikum und Medienfuzzis intuitiv selbstverständlich, der Zusammenhang zwischen Nation und Weiblichkeit, ist in feministischen Diskussionen schon lange Gegenstand. „Wenn Nationen miteinander in Konflikt geraten“, formuliert die Sozialwissenschafterin Ruth Seifert, „wird Gender/Weiblichkeit regelmäßig politisiert und in Beziehung zur politischen Identität der Gruppe gesetzt.“ /1/ Oder um Anette Dietrich stellvertretend für viele andere zu zitieren: Die Nation werde „u. a. durch die duale Geschlechterordnung symbolisiert und repräsentiert.“ /2/ Dem entgegen zu halten ist jedoch, dass nicht in dieser oder jener Situation von Krieg oder Fußball-WM Weiblichkeit „politisiert“ wird und so zur Identifizierung, Symbolisierung oder Repräsentation der Gruppe taugt, sondern dass es überhaupt kein Denken oder besser: Fühlen von Nation gibt, das ohne Bezugnahme auf Frauen auskommt – wie umgekehrt Weiblichkeit als solche auf Nation verweist.

Die Entstehung der Nation und jene der Geschlechtscharaktere gingen historisch Hand in Hand und sie reproduzieren sich durch die Dialektik der Aufklärung hindurch permanent neu. Weiblichkeit und Nation gehören dem Bereich emotionaler Gewissheit an, beide sind Gewusstes, aber im bürgerlichen Denken nicht Befragtes. Während den liberalen Vertragstheorien des 18. Jahrhunderts klar war, dass sie einen logischen Beginn des Staates annehmen müssen (»Gesellschaftsvertrag«), lag die Nation stets eher im Bereich des immer schon Gegebenen. Der Dritte Stand, der bekanntlich Alles umfasste, ist vor dem Staat als seiner politischen Verfassung gedacht worden. „Ist die Nation doch zuerst da, ist sie doch der Ursprung von allem“, verkündete 1789 der Abbé Sieyes, in seinem berühmten Pamphlet Was ist der Dritte Stand? und fuhr fort: „ihr Wille ist immer gesetzlich, denn er ist das Gesetz selbst. Vor und unter ihr gibt es nur das Naturrecht.“ Dieser Wille befindet sich „im Naturzustand“ und braucht zu seiner Entfaltung „nur die natürlichen Merkmale eines Willens.“ /3/ Wie die Natur dem Willen, gehört die Freiheit dem Menschen als solchem an: frei geboren, aber überall in Ketten, die zu sprengen die Französische Revolution als Verwirklichung des Menschenrechts angetreten war. Angeboren oder natürlich heißt hier aber weder biologisch-organisch oder sonst in irgendeiner Form am leiblichen Körper, am Blutkreislauf oder an der Gehirnmasse haftend. Sprach die Aufklärung von Natur, dann meinte sie in diesem Zusammenhang nicht den Leib-Körper und seine Geschlechtsorgane, schon gar nicht Chromosomen, Kohlenstoffatome, Sternlein, Landschaft, Wald und Wiese, sondern das, von dessen Werden nichts gewusst wird und auch nichts gewusst werden darf. Natur, erklärte das Wörterbuch der Kritischen Philosophie 1801, heißt „soviel als der subjective Grund des Gebrauchs der Freiheit überhaupt (unter objectiven moralischen Gesetzen), der vor aller in die Sinne fallenden That hergeht.“ /4/ Dieser Grund bleibt der kritischen Philosophie, womit jene Kants gemeint war, so „unerforschlich“ wie er dem Einzelnen „allgemein als Mensch“ (ebd.) eigen ist. Natur bedeutete demnach nicht nur die Prädestination zur Freiheit, sondern ebenso den Gebrauch von Freiheit. Wer nicht dem Begriff vom allgemeinen Menschen entsprach, der oder die war nicht Natur, sondern der Gebrauch gesellschaftlicher Natur fehlte ihm oder ihr. Weiblichkeit war insofern nicht etwas, das »für Natur steht«, sondern kam nicht – wie auch alles, was der Aufklärung als »wild« und unzivilisiert galt – über das hinaus, was vor aller That liegt. Frauen wurde die Fähigkeit abgesprochen, ihre natürliche Freiheit als menschliche Wesen – soweit waren sie in die Gesellschaft eingeschlossen – auch zu gebrauchen. Weder schlicht dumm gehalten, noch aus dem Geltungsbereich der bürgerlichen Gesetze ausgeschlossen, blieb ihre Bildung dennoch folgenlos, weil es ihnen an der Intention zur Handlung, zur Anwendung und Gestaltung von Wissen und Gesetz zu mangeln hatte. Falls sich dieser Mangel nicht einstellte, wurden sie für bedrohlich gehalten.

Im bürgerlichen Mann hingegen vereinigten sich die Bestimmung zur Freiheit und deren Gebrauch zum Willen. Er versteht nicht nur das Gesetz – ob jenes der Natur oder des Staates bleibt sich hier gleich –, er kann es auch anwenden. Was die männlichen Einzelnen sich vor aller in die Sinne fallenden That zur Voraussetzung nehmen, ist das, was die bürgerliche Gesellschaft immer meint, wenn sie Natur sagt: Blind-Gesellschaftliches – Gewalt, die mit der Wandlung von persönlicher in abstrakte Herrschaft keineswegs verschwunden, sondern zum Geheimnis der Gesellschaft geworden ist. Was sich die Männer und mittlerweile auch die arbeitenden Frauen antun lassen müssen und als gebildete/r nach erfolgreicher Erziehung sich selber antun um Subjekt zu bleiben, muss entweder vergessen oder aber gewollt werden. Das mit sich selbst identische Individuum kann sich nicht im Medium der Vernunft auf die Voraussetzung seiner Identität beziehen, sonst wäre es weder vernünftig noch identisch. Liebe, nicht Logik überwindet diesen Graben. Worauf es sich bezieht ist weder das Andere noch ein Außen, denn die bürgerliche Gesellschaft kennt kein Außen: was danach aussieht, hat seine Form von ihr selbst bekommen. Hierzu hat das (männliche) Individuum kein funktionales Verhältnis und auch kein logisches: Von Argumenten hat sich weder die Nation jemals beindrucken lassen, noch das Geschlechterverhältnis, das sich durch alle Frauenbewegung und die im wesentlichen durchgesetzte rechtlich Gleichstellung von Mann und Frau hartnäckig erhält. Die Liebe zum notwendigen Zwang vermittelt die Weiblichkeit.

So, wie der Dritte Stand aber nicht abgewartet und auf das blinde Wirken der Natur vertraut hat, wussten die aufklärerischen Ratgeber zur Mädchenerziehung sehr genau, dass das Mädchen nicht einfach Frau ist, sondern eine solche werden muss. Härteste Disziplin war von ihr gefordert um ihre Natürlichkeit zu bewahren, was bedeutete nichts zu erlernen, was die systematische Beherrschung von Natur erlauben würde. Garten- und Handarbeit: ja, wissenschaftliche Biologie oder Konstruktion einer Spinnmaschine: nein. Das Kennzeichen künstlich gebildeter natürlicher Weiblichkeit war Abhängigkeit und das Mädchen des 18. Jahrhunderts sollte sich ihr nicht ohnmächtig unterwerfen, sondern freudig in die weibliche Pflicht einwilligen. Ergebnis des Weiblichkeitsdiktats ist, in Barbara Dudens Worten, „die psychische Zurichtung als eine Person ohne Ich.“ /5/ Auch der bürgerliche Mann kann sich nicht auf der Stabilität seines Ich ausruhen, seine Autonomie ist prekär. Die Brüchigkeit nicht fühlbar werden zu lassen, ist der Job der Frau. Deren abhängig-kindliche Verfassung hält dem Mann gegenüber nicht nur die Erinnerung an einen Zustand wach, der überwunden werden soll, sondern sie ruft auch ein Gefühl liebevoller Rührung hervor. Der Mann liebt darin etwas an sich selbst. Die Liebe ist jener Modus, in dem sich das identische Ich des Bürgers nicht schmerzhaft zerrissen erfährt, sie ist das Medium, in dem der Mann seinen Subjektstatus auch will. So betrachtet wäre die Ehe eine permanente Demonstration gelungener Selbst- wie Naturbeherrschung des bürgerlichen Mannes; nicht umsonst galt erst der verheiratete Mann als respektables Mitglied der Gesellschaft und als zuverlässiger Staatsbürger. Auch in einer Gesellschaft, in der Männer queer sein und Frauen arbeiten gehen dürfen, haben geschlechtliche Liebe und jene zum Vaterland dieselbe Quelle. Das sich durchsetzende Wissen um die Konstruktion der Geschlechter scheint nicht dazu zu führen, deren Abschaffung näher zu kommen, ganz im Gegenteil. Die Bemühungen, ein Beziehungsgen oder eines für Mathematik oder für sonstigen Kram zu finden, scheinen sich noch zu steigern – von den unerträglichen TV-Shows und Texten der Sorte »Warum Männer dies und Frauen jenes sind oder können« ganz zu schweigen.

Wusste das zur Macht drängende Bürgertum anderer Länder während revolutionärer Zeiten, dass die gesellschaftliche Natur herzustellen, d. h. aktiv in ihr Recht zu setzen ist, haben sich die mehr auf Evolution denn auf Revolution setzenden deutschen Bürger auf das Sein und nicht auf das Werden des natürlichen Willens zur Nation verlassen. Aus der tätigen, kämpfenden Nation, die sich gegen den ständischen Partikularismus durchzusetzen hatte, haben etwa die französischen Revolutionäre am Ende des 18. Jahrhunderts die konkreten Frauen mit einigen Mühen ausgeschlossen, um sie als allegorische Darstellungen des Vaterlandes, der Freiheit und sonstigem Unvergänglichem zu installieren. Die deutsche Nationswerdung kannte hingegen kaum politische Kategorien, die Deutschen konzentrierten sich auf die Anrufung des Unvergänglichen. Mangels eigenen revolutionären Tuns waren sie damit beschäftigt, entweder den partikularen Charakter der Nation in überschwänglichem Kosmopolitismus zu leugnen (Kant), oder sich gegen das revolutionäre Frankreich auf ein deutsches Wesen zu besinnen (Fichte). Zum Trost machten sie ihre Nation schließlich zum immer schon vorhanden gewesenen Volk. Vielleicht erschließen sich daraus die im internationalen Vergleich unglaublichen Spezifika deutscher Familienpolitik, die unbeeindruckt von Geburtenraten von der Angst geprägt zu sein scheint, die Deutschen könnten aussterben. Warum es die Einzelnen überhaupt beschäftigt, ob nach ihrem Ableben weiterhin noch kleine oder große Deutsche herumlaufen, lässt sich wohl nur damit erklären, dass der Drang, sich in der Zeit fortzusetzen weniger ein Verhältnis zu in Zukunft lebenden Menschen bezeichnet, als zur eigenen Person. Das hieße dann: Man höchst persönlich könnte aussterben, gäbe es keine Deutschen mehr. Der Unterschied der deutschen zur amerikanischen, britischen oder französischen Nation besteht diesbezüglich darin, dass erstere in ihrer Geschichte das bürgerlich-selbstbewusste Moment der politischen Handlung zur Herstellung der Nation kennen, während über die Deutschen immer schon das Schicksal hereingebrochen ist. Aber jede Nation bildet sich dadurch, dass die Bürger selber etwas Ewiges-Geschichtloses, Natürliches, an sich haben, sonst könnten sie keine Bürger bleiben. Gleichzeitig versichern sich die Einzelnen als Gemeinschaft dieses Ewigen an der Nation und damit sie es auch lieben können, bekommt es die Namen Marianne oder Britannia oder Germania.

Wie sich die Frau zum Mann verhält, so die Nation zum Staat: als sein gesellschaftlich gemachtes Natursubstrat, als das, woran Festigkeit und Dauerhaftigkeit gegründet wird. Nur Weib, Kind und Familie – in Deutschland darüberhinaus auch niedliche pelzige Tiere – sind imstande nationale Rührseligkeit auszulösen. Ohne Deutschland-Bikini keine Stimmung auf dem Fan-Fest, Abendbrot bereiten ist Bundesliga. Im Unterschied zum Staat, zu dem die Einzelnen ein mehr oder, insbesondere in Deutschland, weniger sachliches Verhältnis als steuerzahlende und wählende BürgerInnen haben, ist die Nation eine gefühlte Angelegenheit, eine Art erweiterte Familie, die erlaubt auch Wildfremden gegenüber persönlich-affektive Gefühle zu hegen. Verbindet die Familie den privaten, gefühl- und gemütvollen Menschen mit dem austauschbar-anonymen Arbeitenden – wofür rackert man sich denn ab, wenn nicht für die Kinder? –, so verschmilzt die Nation die Familien generationsübergreifend zum Staat. Die Nation gehört derselben Natur an wie die Weiblichkeit: mystifizierte gesellschaftliche. Von der Mystifizierung als Tätigkeit gar nichts mehr erfasst schließlich jene Gesellschaft, die Weiblichkeit auf körperliche Eigenschaften zurückführt. Die Geschichte des schwarzrotgold bemalten Frauenkörpers beginnt nicht mit der Gebärfähigkeit, sondern mit dem Stickrahmen des bürgerlichen Mädchens.

Wenn die Deutschen bejubeln, dass „König Fußball“ weiblich wird, ist das mitnichten Freude über das Bröckeln einer Männerdomäne oder gar als Pluspunkt auf feministisch-gesellschaftskritischer Seite zu verbuchen: Gerade weil es nicht um Fußball, sondern um deutschen Fußball ging – eine Trennung, die ohnehin nur bedingt haltbar ist –, zeugte die Anwesenheit der Frauen, unserer Frauen, von der nationalen Qualität des Spektakels. Weil das „Sommermärchen“ der verkniffen-lockeren Deutschen so nahe am Kriegspielen war, haben so viele Frauen unsere Jungs unterstützt: Zwar nicht im Lazarett verwundete Helden pflegend, haben sie doch qua Bemalung und Bikinis in den Farben der Nationalfahnen an der Heimat-Fan-Front für die Aufrechthaltung der Stimmung gesorgt und dadurch ganz offen demonstriert, was Weiblichkeit im Kontext der Nation bedeutet: das, woran deren Einigkeit zu beweisen ist.

M.D.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der McGuffin Foundation.

Anmerkungen:

/1/ Seifert, Ruth: Weibliche Soldaten: Die Grenzen der Nation und die Grenzen des Geschlechts, Artikel aus: Ahrens, Jens-Rainer et al (Hrsg.): Frauen im Militär. Empirische Befunde und Perspektive zur Integration von Frauen in die Streitkräfte, Wiesbaden 2005.

/2/ Dietrich, Anette: Weiße Weiblichkeiten. Konstruktion von »Rasse« und Geschlecht im deutschen Kolonialismus, Bielefeld 2007.

/3/ Sieyes, Emmanuel Joseph: Was ist der Dritte Stand? in: Ders.: Politische Schriften 1788-1790, München/Wien 1981.

/4/ Mellin, George Samuel Albert: Enzyklopädisches Wörterbuch der Kritischen Philosophie oder Versuch einer fasslichen und vollständigen Erklärung der in Kants kritischen und dogmatischen Schriften enthaltenen Begriffe und Sätze, Bd. 4, Repr. Aalen 1971.

/5/ Duden, Barbara: Das schöne Eigentum. Zur Herausbildung des bürgerlichen Frauenbildes an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, in: Kursbuch Nr. 47, Berlin 1977.


137 Jahre deutscher Volksgemeinschaftswahn

September 12, 2008

Zu den nationalen Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 2008 in Hamburg

Deutschland du bist doch / acht Meilen hoch / das schlechteste Land der Welt“ (F.S.K.)

Deutschland ist von Beginn an die prozessierende Konterrevolution geworden. Die Basis für die Reichsgründung 1871 in Versailles bildete die Niederschlagung der Pariser Commune, eine gemeinsame Aktion mit den zuvor besiegten französischen Truppen, gipfelnd in dem Massaker an 30.000 Kommunard_innen, die sich bereits ergeben hatten. Doch die Deutschen wollten mehr. Zwischen 1904 und 1908 brachten sie als Kolonisatoren im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, über 60.000 Hereros und 10.000 Namas um. Da für die Deutschen das, was sie bereits hatten, nie gut genug war, zettelten sie 1914 den ersten Weltkrieg an, der fast 10 Millionen Menschen das Leben und Deutschland endlich seine Kolonien sowie das immer noch als „deutsch“ geltende Elsass und unter anderem die seither als Verlust betrauerten Ostgebiete, Teile des heutigen Polens, kostete. Die Ansätze von Räten in verschiedenen deutschen Städten 1918/19 im Zuge der Novemberrevolution wurden von Freikorpsverbänden unter tätiger Mithilfe der SPD-Regierung zerschlagen und ihre bewusstesten Aktivist_innen zum großen Teil umgebracht. Der Geburtsort des expansiven Deutschen Reiches, Versailles, wurde der sich ständig modernisierenden aber niemals zu sich selbst kommen könnenden Volksgemeinschaft zum Schandfrieden, dem man lieber den totalen Krieg entgegensetzte. Dieses Mal starben 60 Millionen Menschen am deutschen Wahn, die Welt beherrschen zu wollen.

Es gibt kein deutsches Wesen. „Deutsch“ erklärt nicht, „deutsch“ bedarf der Erklärung – weil die Deutschen sich nicht bloß untereinander austoben, sondern in die Welt marschieren. Deutschland ist der Inbegriff des Schlechten im Allgemeinen, der immer schon mörderischen Seite an Nationalstaat und Kapital. Der Nationalsozialismus, diese wahrhaft deutsche Revolution, machte ernst mit der Volksgemeinschaft, deren Schuld am Holocaust das zur Demokratiegemeinschaft verschweißte BRD-Volk zusammenhält. Weil Deutschland darauf basiert und seit 1989 auch noch stolz mit seiner Schuld hausieren geht, ist seine Geschichte die von 137 Jahren Volksgemeinschaftswahn.

Während es den Deutschen irgendwie auch immer wieder um Lebensraum für ihr Volk und seine Nachkommen ging, machte sich ständig neue Unsicherheit breit: Sind sie wirklich ein Volk? Und, ob der zahlreichen Volksfeinde im Inneren und Äußeren: Mit welchen Vernichtungs- und sonstigen Methoden können sie sich versichern, dass es da ganz bestimmt überhaupt keine Zweifel dran geben kann? Sie blicken auf andere Nationen und die dortigen Taten der historisch mitunter heroischen Bourgeoisie, um sich auch von dort nur das Ewige an der Nation abzuschauen.

Von 1945 bis 1989 konnten die Deutschen nicht ganz so groß rumtönen mit ihrem Nationalstaat, hinterließ doch die von ihnen sogar gegen eigene Kriegsinteressen durchgeführte gezielte Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden einen schalen Beigeschmack, der beim sich-selbst-Feiern störte: Im Ausland kommt das dann immer so schlecht an. Doch damit ist es seit dem wiedervereinigten Deutschland vorbei. Hier heißt nix mehr verschämt Bundes- oder sonstwie-Republik, seit 1989 ist man einfach wieder: Deutschland. Und spätestens 1999 zeigte sich wieder, was das hieß: Serbien angreifen, zum dritten Mal in jenem Jahrhundert. Und von hungerleidenden Ausländern, die man am besten gleich an den Grenzen abknallt oder sonst eben auf der Straße zu Matsch haut, oder von Juden und Jüdinnen, die ständig mit dem nun doch wirklich bereits lange als deutsche Tat akzeptierten Holocaust herumnerven und nebenbei in Form des Staates Israel gemeinsam mit den USA den Weltfrieden gefährden, möchte man sich in seinem so friedlichen deutsch-Sein nun wirklich nicht stören lassen.

Heimat Ressentiment

Die heimattümelige Sehnsucht der Deutschen danach, ein Volk zu sein, wiederholt sich immer wieder als Pogrom. Früher konnten sie ihre eigene Definition der Volksgemeinschaft als reiner Rasse ohne Einflüsse „von außen“ nie erfüllen. Weil das logische Problem, dass die bereits „vermischten Rassen“ durch Ausmerzung des als das Fremde Ausgemachten irgendwie rein werden soll, noch nie einen Anhänger der völkischen Ideologie aus dem Gleichgewicht gebracht hat, bewegen die Deutschen sich heute asymptotisch von der Rasse weg. Der Widerspruch ist Programm: Da das Ziel, Volksgemeinschaft zu sein, praktisch unerreichbar ist, steht die Anstrengung, eine zu werden, im Vordergrund. Das Streben nach Einheit findet wie überall auch in Deutschland seine logische Grenze an der arbeitsteiligen Spaltung der Gesellschaft, deren Mitglieder in Konkurrenz zueinander stehen. Anderswo vermittelt sich die Einheit durch die Interessen einzelner und Gruppen hindurch. Die Deutschen jedoch haben selbst da, wo sie sich in Interessenvertretungen organisieren, stets unmittelbar das große Ganze im Kopf. Fällt ihnen dann auf, dass es trotzdem mit der Einheit der Volksgemeinschaft nicht klappt, verwandeln sie die politische Rationalität der Herrschaft, die sie nur tun, mit der sie aber nichts zu tun haben möchten, in Machenschaft: An irgend jemandem muss es ja liegen, dass es nix wird – und da der und die einzelne jeden Tag ordentlich arbeiten gehen, immer das Treppenhaus fegen und Arbeit für Selbstverwirklichung und Reinigungsdienst auf nationaler Ebene halten, müssen es irgendwelche Störenfriede sein, welche das große gemeinsame Ziel verhindern. Und so bildet sich das Gemeinsame der Gemeinschaft am Ressentiment. Es richtet sich gegen alle Faulen, Arbeitsunfähigen und –unwilligen, Drogenkonsument­_innen und andere Leute, an denen festzumachen ist, dass sie nicht dazugehören. Leichter machen es sich der und die Deutsche, wenn sie optische Zeichen anbringen, die ihnen bedeuten, wer nun eigentlich zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Sie kennzeichnen bestimmte Leute als schwarz oder farbig, folglich als Ausländer, und die kriegen nicht nur einfach Scheißjobs auf unterstem Lohnniveau, sondern sie sollen vor allem raus. Für den Arbeitsmarkt nützliche und hochqualifizierte Fachkräfte sollen wiederum ins Land geholt werden, aber damit die sich überhaupt hertrauen muss schnell noch das Image ein bisschen aufpoliert werden, und so hängt das neue multikulturelle Selbstverständnis der Deutschen sich ein paar Stars, die zwar irgendwie auch Ausländer sind, aber auch total wichtig für uns, als Aushängeschild an die Tür. Die demonstrative Toleranz hindert Staat und Zivilgesellschaft keineswegs daran, den völkischen Rassismus in Arbeitsteilung zu exekutieren: Der Mob prügelt, der Staat schafft das Asylrecht ab und schiebt die Asylbetrüger in irgendwelche Länder, in die sie qua Hautfarbe gehören könnten, ab. Wenn die Ausländer hier keinen ordentlichen Aufenthaltsstatus haben dürfen die gar nicht arbeiten, das macht das Modell dann gleich noch einfacher.

Der Triebverzicht, der nötig ist, um arbeiten zu können, wird aber durch die kleinen Freuden des Kapitalismus wie Chardonnay oder Eigenheim nicht aufgewogen. Doch zur Kenntnis genommen werden kann er von den Anhänger_innen der deutschen Ideologie auch nicht: Er muss zum Verschwinden gebracht werden. Denn sonst müsste man sich ja eingestehen, dass mit dem Ganzen etwas nicht stimmt. Das kann ja aber nicht sein, da Kapitalismus – und man möchte bekräftigen: gerade in seiner rheinischen Ausprägung – bekanntlich dafür da ist, dass jeder sein Auskommen hat und es allen gut geht. Die Unzufriedenheit, die sich als Rückseite des Schlimmen, das sich jeder antun muss, um zu arbeiten, breit macht, muss ständig verdrängt werden. Wiederkehren tut sie als Antisemitismus und spaltet den vom Deutschen imaginierten Juden, der ganz ohne zu arbeiten trotzdem reich ist, von sich ab. Zinsen und Finanzkapital, die müssen dahinterstecken, dass die eigene superproduktive Arbeit trotzdem nicht zu Glück und Reichtum führt. Je nachdem, wo sich die geknechteten Deutschen nach 1945 politisch so betätigen, müssen sie sich dann immer mal wieder frei schlagen und ein paar Molotowcocktails auf jüdische Gemeindezentren schmeißen oder Juden und Jüdinnen, die auch noch die Dreistigkeit besitzen ihrer Religion in irgend einer Weise optisch Ausdruck zu verleihen, direkt angreifen. In der eher sozialdemokratischen Variante begnügt man sich als feingeistige Leser_innenschaft der Frankfurter Rundschau damit, über die Ostküste zu schimpfen und Israelis für die neuen Nazis zu halten, die noch nicht mal (wie man selbst) aus Auschwitz gelernt haben, und ihnen mal zu erklären, wie das so geht mit einem friedlichen Staat.

Die Deutschen und ihre Kultur

Das Ressentiment gegen Fremde als Stabilisierung des Eigenen ist jedem Nationalgefühl eigen. Die Nation teilt sich in „Kultur-Mann“ und „Natur-Frau“, die in der Familie zu einem Ganzen werden. Die Deutschen machen sich jedoch auf besondere Weise zur Natur: Ihnen ist auch das Kulturelle so natürlich wie anderswo nicht einmal das, was als Natur gilt. Und je mehr man sich zur Natur macht, desto stärker fühlt man sich vom Abstrakten bedroht. Im Gegensatz zu Ländern, die ihr Staatsbürgerrecht auch nach dem Territorialprinzip organisiert haben, bleibt das deutsche Staatsbürgerrecht Blut und Boden verhaftet. Selbst wer schon ewig in Deutschland wohnt und qua Einbürgerungstest beweist, dass er oder sie so denkt und handeln würde wie ein guter Deutscher, kann nicht einfach einen Pass bekommen: Ganz oder gar nicht, lautet die Devise, und so darf er oder sie nicht doppelagentengleich Mitglied eines anderen Staates sein sondern muss deutsch werden – und wird doch dieses Ziel in den Augen der Deutschen niemals erreichen können. Auch Integration ist hierzulande nachhaltig.

Da die Deutschen nie eins waren oder sind und als Gemeinsames nur den Wunsch haben, eins zu werden, ist das Konstrukt ihrer Einheit extrem fragil. Schon der Nicht-Wunsch nach diesem Ziel macht es angreifbar, weswegen die offensive Verweigerung am nationalen Delirium teilzunehmen bereits geächtet ist. Wo ein Sein nicht zu erreichen ist, wird es zumindest exzessiv behauptet und sich im reinen Streben (brüderlich mit Herz und Hand) danach geübt. So konnte nach der Halbfinalniederlage der deutschen Männer-Nationalmannschaft in der Fußball-WM 2006 auch das Spiel um Platz 3 bei den Deutschen wie ein Weltmeistertitel gefeiert werden – schließlich ging es ums Siegen an sich, egal wobei. So, wie im Fantum ein temporäres Sein erreicht wird, müssen auch politische Ereignisse naturalisiert werden. In Deutschland glaubt niemand eine politische Begründung, warum Krieg zu führen ist. Deswegen wurde auch im Kosovokrieg von 1999 Serbien natürlich nicht wegen schnöder Machtinteressen angegriffen – man ist ja eine Kulturnation. Und die hält es mit Moral. Die Deutschen blicken im Gegensatz zu Ländern, in denen irgendwann mal eine bürgerliche Revolution stattgefunden hat, auf keine Erfahrung zurück, in der sie mal selbst etwas getan hätten außer irgendwo draufzuschlagen. Sie begreifen sich vollkommen als Opfer, und Länder die explizit nationale Interessen verfolgen – da fällt den Deutschen dann die USA und Israel ein – finden sie eklig. Dass Deutschland selbst aus dem Zweiten Weltkrieg objektiv als Modernisierungsgewinnler hervorging, während man sich subjektiv nur an die Trümmerhaufen erinnert, führte dazu, dass auch das neue deutsche Selbstverständnis als offensiv weltoffen, friedensliebend und moralisch von keinem Arg getrübt ist. Und wenn eine solche Nation Krieg führt, ist es eigentlich gar kein richtiger Krieg, weil „Nie wieder Krieg“ hieße ja schließlich auch „Nie wieder Faschismus“, und wenn man irgendwo Faschismus am Werke sieht, bedeutet das zwar „Krieg“, aber auch gleichzeitig „Nie wieder Faschismus“ und deswegen auch „kein Krieg“. Deswegen sind die Deutschen auch so große Anhänger der UN-Mandate, die stellen nämlich sicher, dass es sich bei den Kriegen, an denen Deutschland neuerdings so teilnimmt, eher um so etwas wie menschenfreundliche Aktionen, was in Deutschland gerne mit „humanitär“ bezeichnet wird, handelt. Dementsprechend findet es niemand ein Problem, dass Deutschland weltweit nach den USA am meisten Soldaten im Auslandseinsatz hat. Die Bundeswehr gerät in deutscher Sichtweise zu einer Art Technischem Hilfswerk für den Auslandseinsatz. Dass, während die Deutschen sich in ihrer neuen Toleranzidentität präsentieren, in den national befreiten Zonen der Mob tobt, schließt sich dabei nicht aus. Im Gegenteil: Das Selbstverständnis als geläutert und moralisch führt gerade dazu, sich mit dem, was real so passiert umso bestimmter nicht auseinandersetzen zu müssen. Der Tipp von migrantischen Organisationen, in Ostdeutschland abends lieber nicht allein auf die Straße zu gehen, führt so bei den Deutschen nicht zu einer Kritik am Bestehenden, sondern dazu, sich dieser Nestbeschmutzung zu verwehren. Noch jedes Moment politischer Auseinandersetzung versinkt im Sumpf des händeringenden Identitätsbedürfnisses der Deutschen.

Der 3. Oktober ist ja eigentlich ein eher politiknaher Feiertag, weswegen er auch nicht dieselbe Massenbegeisterung hervorruft wie beispielsweise das Überstehen der Vorrunde in der Männer-Fußball-Europameisterschaft 2008. Trotzdem bestätigt das jährliche Feiern immer wieder die Überwindung der unnatürlichen Teilung bis 1989, indem sich durch das Feiern vergewissert wird, dass es etwas Gemeinsames gibt. Die Leerstelle dieses Gemeinsamen, von der die Deutschen selbst nicht so richtig wissen, was es eigentlich sein soll was sie da behaupten, füllen sie durch das Wort „Kultur“. Der Deutsche ist ja ein Kulturmensch, der sich praktisch für jede Art von Kultur interessiert und insbesondere auch für Völker, die viel Kultur haben. Das schafft er, ohne sich für ein einziges bestimmtes Stück oder Werk zu interessieren, dieses zu befragen oder sich von etwas verstören zu lassen. Der deutsche Begriff von Kultur verhält sich gegenüber der Gesellschaft wie ein reiner Ästhetizismus gegenüber der Kunst: So schön und kunstvoll, diese Kunst. Und auch als ein solcher drückt er sich aus: Es ist doch all überall viel Kultur in der Kunst. Die Deutschen gefallen sich im beeindruckt-Sein von der Bücherwand, der pompösen Darbietung oder auch der imposanten Hausfassade: Dabei ist es das von ihnen selbst abstrakt-überhöhte Gefühl von Kultur, welches sicherstellt, dass es sich bei diesem Ehrfurchtsgebietenden garantiert um etwas komplett Harmloses handelt. Denn es geht ja weder um etwas Spezielles noch gar um etwas Gesellschaftliches: „Kultur“ meint ein Allgemeines, aber ohne Gesellschaft dabei denken zu müssen.

Das neueste Manifest der deutschen Ideologie, das Einbürgerungsquiz, fragt ab, wer sich den Text „Deutschland, Deutschland über alles“ ausgedacht hat. Politisch skandalisieren? Wozu, wenn er doch Kultur ist. In jedem Fall war es ein großer deutscher Dichter.


Coffee to go

September 11, 2008

oder: Wofür steht der 3. Oktober?

I. Nation

Wenn die Landsleute sich ihrer nationalen Einheit versichern möchten, ist einer der häufigsten Tricks derjenige, sich des Unverständnisses des Auslands zu vergewissern. Norbert Lammert, als Bundestagspräsident zuständig für die Festrede[1] am vergangenen Tag der deutschen Einheit in Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt Schwerin, bemühte zu diesem Zweck eine nicht näher genannte „französische Journalistin“, um „eine aufschlussreiche Geschichte“ zum Stand des nationalen Selbstbewußtseins zum Besten zu geben. Wie die französischen Journalistinnen zahlreicher anderer RednerInnen, die ihr Wort zu nationalen Einheit erhoben haben, habe dieses Exemplar „geradezu fassungslos registriert“, dass ein „deutscher Ladenverkäufer“ ihr das Gefühl gegeben hat, „etwas Unanständiges, jedenfalls Unpassendes gesagt“ zu haben, als sie einen „schönen Nationalfeiertag“ wünschte. So kann das ja nichts werden mit dem Ansehen Deutschlands in der Welt, dachte Lammerts, und ganz der mutige Nonkonformist, der er nun mal ist, wusste er aufmunterndes entgegen zu setzen: „Der 3. Oktober ist aber ein Tag der Freude und ein Anlass zum Feiern – mithin also auch ein Grund für Kaffee und Kuchen.“

Der Aufruf zum nationalen Kaffeekränzchen bildete die schließende Klammer einer Rede, an deren Beginn Kaffee und Kuchen noch für die Unfähigkeit zur Einheit gestanden hatten. Mehr als Kaffee und Kuchen sei die Wiedervereinigung nicht gewesen, hatte Hans Magnus Enzensberger 1987 in einem fiktiven Dialog über die Resultate der damals noch genauso fiktiven Wiedervereinigung einen ebenfalls ausländischen Journalisten sagen lassen. Lammert hielt diese Inszenierung des uralten deutschen Selbstbilds vom verzagten Michel offensichtlich für so originell, dass er glauben konnte, irgend wen mit der Ankündigung zu locken, er könne das Gegenteil beweisen. „Ausser Kaffee und Kuchen nichts gewesen? Eben doch!“ hob er an, um die „Einheit“ als eine „Erfolgsgeschichte“ zu beschreiben und am Ende doch wieder am angeblich überwundenen Ausgangspunkt zu landen.

Es ist nicht schwer, die Rückkehr zur kleinen Erzählung von den Deutschen als harmlose Tölpel zu entziffern als zwangsläufiges Resultat des Unwillens, all das aufzuzählen, was die Wiedervereinigung tatsächlich zu mehr gemacht hat als einem Kaffeekränzchen. Wer mitten in Mecklenburg-Vorpommern steht und erzählt, die Teilung des Landes sei überwunden worden, weil die „rechtsstaatliche Ordnung der westdeutschen Demokratie […] eine solche Faszination ausgeübt habe“, weiss, dass dies schlichtweg die Unwahrheit ist. Zu leicht ist es einzusehen, dass dort, wo regelmäßig „mit Leidenschaft im Bein“ (Sportfreunde Stiller) Springerstiefel und anderes Schuhwerk geschwungen wird, denjenigen, die eine rechtsradikalen Jugendkultur sich bewegen lassen wie der Fisch im Wasser, die Rechtsstaatlichkeit der Ordnung, nach der die Ausübung von Gewalt einzig und allein Aufgabe des Staates ist und somit den Beschränkungen des Rechts unterliegt, am Arsch vorbei geht. Auch dürften einem Bundestagspräsidenten die einschlägigen Studien bekannt sein, nach denen ca. ein Viertel der BundesbürgerInnen (29% im Osten) der Ansicht sind, „Deutschland brauche eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.“ Die Faszination, die hierzulande von der nationalen Einheit ausgeht, gilt eindeutig etwas anderem als der Möglichkeit, gesellschaftliche Konflikte unter den Bedingungen von Gewaltenteilung und parlamentarischer Demokratie politisch zu regeln. Dies gilt auch für die lupenreinen Demokraten, die mit Meinungsumfragen herausbekommen möchten, ob die Befragten „mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland“ zufrieden oder unzufrieden sind. Wenn das Funktionieren einer Demokratie mehr sein soll als die Fähigkeit der BürgerInnen, im Wahllokal eine Stimme abzugeben sowie die ordnungsgemäße Auszählung dieser Stimmen, wenn der Demokratie also in einem allgemeinerem als in einem rein technischen Sinne ein Funktionieren unterstellt werden kann, dann gerade dann, wenn sie dazu führt, dass sich konfligierende Interessen gegeneinander durchsetzen, ohne dass dabei diejenige Gewalt zum Einsatz kommt, die die gesellschaftlichen Gegensätze im Naturzustand des Kapitals stiften. Dass in der besagten Umfrage[2] 49% der Befragten Zufriedenheit und 51% Unzufriedenheit bekundeten, könnte daher locker durchgehen als Protokoll des Sachverhalts, dass unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen eben niemals alle zufrieden sein können. Das bringen die vor jeder politischen Vermittlung antagonistischen Interessen eben so mit sich. Es könnte dies so sein, ist es aber nicht, denn es ist davon auszugehen, dass die Befragten die gleiche Ideologie teilten wie die Fragenden, die das Ergebnis der Studie unter der Überschrift „Zweifel an der Demokratie“ zusammenfassten. Ein parlamentarisches System, in dem alle Beteiligten „Volkspartei“ sein, also bruchlos das Ganze vertreten wollen, ist daher ohnehin nichts anderes als ein Einparteiensystem mit öffentlichem Casting vor der Postenvergabe. Als undemokratisch gilt hierzulande, wer ein partikulares Interesse überhaupt artikuliert, und antidemokratisch gebärdet sich die Ansicht, das Mehrparteiensystem lasse den Interessen der Einzelnen zuviel Raum, weil wichtige „Sachentscheidungen“, die allen ihr nationales Opfer abverlangen, auch den Managern, im Parteiengezänk untergingen.

Unter diesem Gesichtspunkt konnte Lammert durchaus Erfolge vorweisen bei der „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“, wie sie das Grundgesetz vorsieht: „Die Ausdifferenzierung strukturschwacher Regionen und Wachstumszentren ist jedenfalls längst kein allein ostdeutsches Phänomen mehr, und ist es wohl auch nie gewesen. […] Viele Kreise in Ost- und Westdeutschland haben heute vergleichbare Interessen und ähnliche Probleme.“ Ein Lob auf die Krise, die wenigstens macht, dass es allen gleich schlecht geht. Ob der Hinweis, dass „die Landschaften“ im Osten zugegebenermaßen „nicht überall […] so eindrucksvoll [blühen]“ wie bei der „Bundesgartenschau“ in Thüringen, als unbewußte Charakterisierung der Erfolgsbilanz gelten kann oder als derber Spaß auf Kosten des Publikums, wird wohl auf ewig Lammerts Geheimnis bleiben.

Die zwanghafte Tendenz, entgegen aller Empirie die Harmlosigkeit der nationalen Idee der Deutschen und nicht die Einzigartigkeit ihrer historischen Taten zur Schau zu stellen, ergibt sich bereits aus der naheliegenden und von Lammert auch verfolgten Idee, „Einigkeit und Recht und Freiheit“ als Leitmotiv der Rede zu wählen. Aus jedem Satz der Rede quillt die Ansicht, dass die Ideale der Nation nichts sind, was den partikularen Interessen aller auf irgendeine Weise zugute kommen muss, um gerechtfertigt zu sein. Als Ideen sind sie in Deutschland nicht Resultate einer bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, in denen alle die Beschränkung ihrer privaten Interessen durch den Staat anerkennen können, damit ihnen ihre Liebe zur Ordnung und deren Gesetz nicht bitter aufstößt. Die realen historische Ereignisse, die an Nationalfeiertagen zumeist erinnert werden, also etwa der Sieg über Klerus und Adel oder der im Unabhängigkeitskrieg, sind solche, die tatsächlich zur Herbeiführung der geliebten Ordnung beitrugen.

Für diese Liebe gibt es auch andernorts keinen vernünftigen Grund. Dies lässt sich ebenfalls an den realen Verhältnissen erkennen. Der Ideologiekritik erweist sich dies aber auch daran, dass in jeder nationalen Geschichtsschreibung der realen historischen Praxis eine Wendung gegeben wird, die sie als Tat mystifiziert. Zunächst einmal wurde durch sie nur altes abgeschafft, also Geschichte gemacht. Da die dabei hergestellten Bedingungen aber die Basis des zukünftigen Tuns darstellen sollen, die nicht dem historischen Vergehen unterliegen sollen, muss die Nation gleichzeitig so dargestellt werden, als hätte sie auch noch ihre eigenen Voraussetzungen geschaffen. Die Nation wird damit ins Unbegründbare, umstandslos Geltende verschoben. Sie ist zudem genuin antimaterialistisch. Im Mythos wird sie zu dem Subjekt, das in der Realität der Wert ist, und die durch die Erbfolge des bürgerlichen Reichtums entstandene Genealogie der Generationen eignet sie sich genauso als scheinbares Vermögen an wie die Naturvoraussetzungen der kapitalistischen Produktion. Gemäß der bürgerlichen Geschlechterdichotomie spaltet sich in ihm die bürgerliche Macht in männliche Schaffenskraft und weibliche Reproduktivität und am Nationalfeiertag wird – beides gleichermaßen patriarchalische Phantasien – wahlweise eine jungfräuliche Geburt oder ein reines Produkt gefeiert.[3] Wer es poststrukturalistisch will, darf daher gerne davon reden, dass im nationalen Mythos alles Konstruktion ist und die Aus- und Einschlüsse, die Nation praktiziert, Diskursprodukte sind.

Ihren Halt findet die Nation am Staat, aber nicht ihr Glück in ihm. Letzteres wurde in Deutschland gesucht. Hier erscheint spätestens seit der französischen Revolution nicht die Geschichte, sondern der Mythos von der nationalen Einheit als der Ausgangspunkt der ganzen Chose. Als Ideen sollen die nationalen Ideale dementsprechend nicht aus den Lebensverhältnissen der Individuen folgen, sondern auf diese angewandt werden. Lammert wertet es daher noch heute als Teil der Erfolgsgeschichte, dass „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu „Gestaltungsprinzipien eines wiedervereinigten Staates geworden“ seien. Den Untertanen, deren Liebe zum Vaterland offensichtlich daran hängt, dermaßen gestaltet zu werden, kann er dann auch das Opfer zumuten, dass es nicht die „handfesten Interessen und Erwartungen, die zu Recht viele Deutsche mit der Wiedervereinigung verbunden haben“, sondern die Prinzipien der Gestaltung sind, die „die eigentlichen, die nachhaltigen Errungenschaften des 3. Oktober 1990“ seien. Was so neu sein soll wie die Waschkraft der Megaperls, erweist sich als ein Aufguss bekannter Blut-, Schweiß- und Tränen-Reden, also als uralter Dreck und Weißer Riese.

So musste also die Harmlosigkeit ausbrechen, weil auch Lammert das nationale Subjekt nicht benennen, sondern nur beschwören konnte und es daher kam, wie es kommen musste. An der deutschen Revolution war mal wieder die Welt genesen gewesen und niemand ausser den Kaffeetisch-Strategen hatte es bemerkt: „Die Revolution von 1989 brachte mit dem Überwinden der DDR-Diktatur einen einzigartigen Fortschritt: das Menschenrecht auf Freiheit.“

Mit Verlaub, Herr Bundestagspräsident, unter Umständen hat die „Revolution von 1989“ ja den BürgerInnen der DDR das Menschenrecht garantiert, aber im Allgemeinen gab es das schon vorher. Und irgendwie, weil unveräußerlich und so, aber überall in Ketten, war das Menschenrecht auch das Recht der vorausgesetzt Freien und nicht das auf Freiheit, also kein Anspruch von Unfreien der von Staats wegen gewährt werden könnte. Vielleicht, nur so als kleine Anregung, lesen Sie das nochmal nach. Einen hervorragenden Einstieg ins Thema Konstitution einer wahrhaft demokratischen Staatsgewalt bietet Lucky Luke Band 37, „Billy The Kid“[4]. Darin wird sogar die Beugehaft erklärt. Ob die DDR tatsächlich eine gute Antwort war auf das weltweit vorhandene Problem, dass mit dem „Menschenrecht auf Freiheit“ Arbeitszwang herrscht und es sich trotzdem noch immer prima verhungern lässt, wird dort leider nicht erörtert, aber das gehört ja auch nicht wirklich in Ihren Aufgabenbereich.

II. Geschichte

Nationales Bewußtsein in der Fassung der deutschen Ideologie verrät immer schon, dass es von der Furcht geprägt ist, der Konstruktion des nationalen Mythos verfallen, also letztlich keine Nation zu sein. Sie muss daher unterfüttert werden mit „Echtheit“, und früher oder später in Blut und Boden verpflanzt werden, also als Volk ewig sein. Diese Erkenntnis hat die Ideologiekritik dem Abgleich mit der brutalen Realität voraus, weil sie das Ideal am Möglichen mißt und nicht am Wirklichen, also nicht an der Vielfalt des Angebots im Supermarkt, sondern am Kommunismus, der die Vielfalt vom identitären Zwang der Arbeit befreit. Weil die Illusion von der Identität des Subjekts in der Zeit, auf die der nationale Mythos zielt, nicht aufrecht erhalten werden kann, wird erkennbar, dass die Konstruktion nationaler Geschichte haltlos ist und in dem Maß einer Obsession für sie weichen muss, in dem sie so naturwüchsig erscheint wie die Krise ihres verleugneten Grunds – der die Einzelnen vermittelnden Formwechsel des Werts.

Vielleicht ist hier am ehesten, wie beim Antisemitismus, von einer Abfolge von latentem und manifesten Geschichtsbewusstsein zu sprechen. Im Zustand der Latenz, dem die Rede Lammerts offenkundig zuzurechnen ist, erscheint Geschichte als ewiges Klein-Klein und zeitlose, aber entbehrungsreiche Banalität. Dabei kennt die nationale Geschichte weder Fort- noch Rückschritt und erst recht keine gesellschaftliche Praxis mit Voraussetzungen und Resultaten. Es herrscht die zyklische Wiederkehr des immer Gleichen. Das Ende des Kaffees ist der Anfang des Kuchens und die historische Dokumentation ist vom Tierfilm kaum zu unterscheiden. Außer vielleicht dadurch, dass in der historischen Dokumentation mehr sprechende Papageien vorkommen.

Im manifesten Zustand hingegen gilt jede Banalität als historisch. Versuche bewusster gesellschaftlicher Praxis oder organisierte Interessen sind aber auch hier nicht federführend. In einem Akt besinnungsloser Anpassung an aktuelle Ereignisse wollen alle die Herbeiführung dieser Ereignisse nationaler Bedeutung allein deshalb schon immer betrieben haben, weil sie sie aktuell miterleben und „ergriffen“ sind. Wovon ergriffen und warum sind Fragen, die da nur stören. Es herrscht tatsächlich Faszination, die die mühsame gesellschaftliche Praxis nicht erzeugen kann, sondern nur eine gut ausgedachte Geschichte. Am falschen Objekt aber bedeutet sie die Ästhetisierung der Herrschaft und damit das Grauen. So wurde 1989 aus der innenpolitischen Schwäche der DDR, die der Natur der Politik gemäß allen politischen Akteuren die Frage aufzwingt, wie damit umzugehen ist, wie durch ein Naturgesetz der „Vollzug der deutschen Einheit“, die nicht eine unter widerstreitenden politischen Optionen war, sondern das Nichts, dass alle abzüglich ihrer politischen Verfassung einen soll. Es gab genausowenig Konservative, die zur Beseitigung einer ökonomischen Ordnung aufriefen, die ihnen nicht passte, wie es SozialistInnen gab, die die Schwäche der DDR als Anzeichen dafür interpretiert haben, dass der Sozialismus doch nicht das zukunftsweisende Wirtschaftssystem war, als dass sie ihn zuvor betrachtet hatten. All dies und noch vieles mehr ist zwar geschehen, aber nicht vermittelt durch bewusst kommunizierte politische Entscheidungen. Vielmehr passierten die neuen Deutungen der Welt den Landsleuten so unwillkürlich, wie es keine noch so zugespitzte Theorie von der diskursiven Produktion der Subjekte, die nur Bewusstlosigkeit aber kein Unbewusstes kennt, fassen kann. Ein politisches Urteil über die DDR musste dementsprechend ausbleiben, und die gewendeten Linken hatten somit auch nicht politische Fehleinschätzungen zu korrigieren. Zur einen Seite hin entwickelte sich, vor allem im Osten, sentimentale Erinnerung ala „Good bye, Lenin“, und zur anderen Seite hin waren totalitäre Verfehlungen einzugestehen. Der antideutsche Antinationalismus der 90er-Jahre war daher die einzige Möglichkeit, eine oppositionelle Position aufrecht zu erhalten. Die alten politischen Hoffnungen wurden vom neuen Deutschland qua Konstitution abgestraft, also subjektiv mit den Mitteln, mit denen das Über-Ich gegen die ödipalen Wünsche vorgeht: Es braucht keine. Die Einheit vollzog sich, wie immer, im Familiendrama. Der einzig richtige Tag der deutschen Einheit ist Weihnachten, aber das ist schon besetzt. Während die Linken also ihr nach Öko-, Friedens- und Alternativbewegung ohnehin arg in Mitleidenschaft gezogenes politisches Urteilsvermögen über Bord warfen, hatten die Konservativen nicht in einem politischen Konflikt gesiegt, sondern die Ewigkeit zurückgewonnen. Geschichte wurde nicht gemacht, aber alles war dazu geworden.

Dieses kollektive Einschnappen war aber nicht nur die bedingungslose Anpassung an den status quo, sondern in gleichem Maße auch eine vorbeugende Maßnahme, die den status quo bestimmte und somit die Souveränität der Nation zum Naturzustand werden ließ. „Die Deutschen wollen, daß ihre Vergangenheit ihnen zugestoßen ist“[5], hatte einmal die ausnahmsweise nicht namenlose amerikanische Journalistin Jane Kramer den Sinn der deutschen „Politik der Erinnerung“ an den Nationalsozialismus auf den Punkt gebracht. Die einzige den Deutschen zur Wiedervereinigung zu unterstellende Absicht war die, dass sich alle so benahmen, dass das „wir haben von all dem nichts gewusst“ in Zukunft auch vom bösesten Willen nicht mehr angezweifelt werden kann. Nur für den Fall, dass auch diesmal wieder etwas schief gehen würde beim Projekt verfolgende Unschuld.

Spätestens mit der Feststellung, dass bei aller geschichtlichen Größe noch immer eine Steuererklärung abzugeben ist, tritt in der Folge dann Ernüchterung ein. Für den Mangel gesellschaftlicher Relevanz der völlig überdrehten nationalen Idee müssen dann die anderen büßen. Die Unmöglichkeit der nationalen Einheit wird praktisch und im Falle der Wiedervereinigung lauteten die Kategorien, in die sich die Reaktionsformen zusammenfassen ließen, „Golfkriegspazifismus“, „Ausländerverfolgung“ und „Serbienfeldzug“[6].

Statthalter der manifesten Phase des Geschichtsbewusstseins ist während der Latenz die „Kultur“. Die Zuständigkeit wechselt von der Inlandsredaktion zum Feuilleton. Dort kommt dann die „innere Einheit“ ins Gerede, die, von einer „Kultur des Dialogs“ angeleitet, „ein andauernder Prozess“ würde, womit sie on the fly diejenigen Prozesse ersetzt, die den nationalen Totschlägern und Brandstiftern kaum gemacht wurden und werden. Der Staat, gerade noch die Krone des Glücks, wird wieder zum Parteien- und Steuerstaat, mit dessen Instanzen diejenigen, deren Freude ein wenig überbordete, nicht unnötig belästigt werden sollen.

Im warenkundlichen Teil des Feuilletons, d.h. in den Rezensionen, lässt sich noch gefahrloser der Wechsel der Stimmungen inszenieren, der in der unmittelbar staatlichen Sphäre immer wieder mit Pogromen, Kriegen und dem wahnhaften Bündnis von Kapital und Arbeit verbunden ist. So wird beispielsweise alle paar Jahre der neue deutsche Film ausgerufen, in der Hoffnung, künftig die schlechte Laune nicht mehr mit den eingestandenermaßen viel besseren Produkten vor allem aus Hollywood heben zu müssen. Die Hoffnungen knüpfen sich dabei an Personal – SchauspielerInnen und Regisseure – die bisher noch nicht die Chance hatten zu beweisen, dass sie genauso unbrauchbar sind wie ihre VorgängerInnen. Sinn der Nachwuchsförderung, die sich die staatlich finanzierte Filmförderung eine Menge kosten lässt, ist es vergessen zu machen, dass die letzten Versuche, Goethe im Medium der Massenkultur zu etablieren, ebenfalls in die Binsen gingen. Das schlechte Personal, dass keine Rollen spielen oder inszenieren kann sondern immer nur sich selbst, ist dabei lediglich der fleischgewordene Niederschlag des Wunsches, nicht die Spannung und Identifikation ermöglichende Entwicklung der Charaktere darzustellen, sondern bloße Identität. Weil das aber nicht gelingen kann und aus dem neuesten deutschen Film immer wieder nur Filme mit Deutschen wurden, ist die Voraussetzung zum nächsten Versuch immer schon geschaffen. Die Fähigkeit, gescheiterter Vergangenheit neue Hoffnung abzuringen, ist die gleiche, die Herbert „ich bin deutscher als ich dachte“ Grönemeyer dazu brachte, ein Album „Bleibt alles anders“ zu nennen und mit der die deutsche Geistesgeschichte so eigenartige Strömungen wie den Jungkonservatismus hervorbrachte. Deren zentrale Zeitschrift hieß nicht zufällig „Die Tat“ und der Jungkonservatismus gilt zurecht als NS-Vorläuferideologie.

In seinem Element ist das deutsche Kino erst im Propagandafilm. Es handelt sich dabei zwar um genauso billige Machwerke, aber wenigstens entfällt dabei das Problem, dass die Spannung zwischen Form und Inhalt einen adäquaten Ausdruck im Werk finden muss. Wem es schwer fällt, in einem Streifen mit Uwe Ochsenknecht und Maria Furtwängler oder in einem Konzert von Wir sind Helden einen adäquaten Ersatz zum Griff zur Fahne zu sehen, lässt sich dann gerne von Ereignissen wie einem internationalen Fußballturnier in Beschlag nehmen. Dass ist weit genug von der Politik entfernt, um die frischen Wunden nicht wieder aufzureißen, aber als Kampf der Nationen nah genug am Krieg. Da verstehen dann auch wieder alle den nationalen Spaß.

Auf dem Gebiet der Wissenschaft sind nach dem Ausbruch des manifesten Geschichtsbewusstseins Heerscharen von Gesellschafts- und GeisteswissenschaftlerInnen damit beschäftigt, den im historischen Augenblick angerichteten intellektuellen Flurschaden in Bücher zu schreiben, d.h. in gesicherte Fakten zu verwandeln. Dass ist für die Fortsetzung des akademischen Betriebs auch dringend nötig, denn bei näherer Betrachtung sind die Phantasien der Sorte „blühende Landschaften im Osten“ und „serbische KZ im Kosovo“ ganz offensichtlich keiner Überlegung entsprungen, die bereit ist, nach den aktuell marktgängigen methodischen Postulaten etwa der Politologie beurteilt zu werden.

Es sollte daher angenommen werden können, dass die gemachten Äußerungen denjenigen, die sie fallen ließen, so peinlich sind wie Verkaterten ihr Benehmen am Abend zuvor. Von der Angst, dabei auch noch viel mehr ausgeplaudert zu haben, als es einem oder einer lieb sein kann, ganz zu schweigen. Als die Restlinke nach 1989 häufig „nationale Besoffenheit“ diagnostizierte, hegt sie wohl diese Hoffnung. Aber nichts da. Es gab keinen Kohl, der mal kleinlaut bei Hannelore nachgefragt hätte, ob er denn wirklich den Ostdeutschen damit gedroht hat, alles dafür zu tun, Industrieanlagen, die auf dem Weltmarkt keine Chance mehr haben, in Brennesselbiotope zu verwandeln. Was dann ja die Folge der Wirtschafts- und Währungsunion war. Insofern war also der Kohl’sche Spruch nicht von Beginn an eine Propagandalüge, sondern er wurde es erst durch die Ansicht, er sei nicht wörtlich zu nehmen sondern eine Metapher für wirtschaftliche Prosperität. Aber vielleicht war ja bereits damals die Bundesgartenschau in Wismut das Ziel aller Träume.

Genausowenig gab es Scharpings und Fischers, die die Angst beschlich, sie könnten mit ihrer Begründung für den ersten Angriffskrieg Deutschlands nach der Wiedervereinigung allzu viel vom unappetitlichen Innenleben der Ihrigen verraten haben. Kriegspropaganda fällt nur dann unter die Kategorie anlaßbezogene Lüge, die niemand mehr zu glauben braucht und die vergessen werden kann, wenn der Anlaß hinfällig geworden ist, wenn in ihr ausschließlich die Untaten des Gegners Erwähnung finden und mit denjenigen früherer Gegner in Beziehung gesetzt werden. Wer hingegen glaubt, es sei eine zweckmäßige Idee, einen Angriff auf einen Staat mit denjenigen eigenen Verbrechen zu rechtfertigen, die mit dem letzten Angriff auf diesen Staat einher gingen, ist entweder besonders dreist, oder aber völlig von Sinnen. Da Dreistigkeit aber etymologisch ohnehin von „zudringlich werden“ ableitbar ist, also nicht nur Skrupellosigkeit zur Voraussetzung hat sondern ebenso, dass die (sinnliche) Wahrnehmung der Reaktion eines Gegenübers auf das eigene Tun ausgeschaltet wird, dürfte der Unterschied zwischen diesen beiden Haltungen ohnehin nicht sonderlich groß sein. Es ist dies die Distanzlosigkeit, die der obsessive Drang zu Geschichte mit sich bringt.

Nicht weniger obsessiv ist eine Vergangenheitspolitik, deren ProtagonistInnen so tun, als sei es ein moralisch hoch anzurechnender Verdienst und eine besondere Qualifikation, in Zukunft auf die Vernichtung mehrerer Millionen Menschen nach Maßgabe des eigenen antisemitischen und rassistischen Gemüts zu verzichten. Das einzige, was die Landsleute mit dem Stolz auf ihre Vergangenheitsbearbeitung beweisen ist, wie schwer es ihnen gefallen war und noch immer fällt, jene Denk- und Verhaltensweisen im Zaum zu halten, die der Rest der Welt als Kennzeichen für den Nationalsozialismus ausgemacht hat.

Sofern sie nicht unmittelbar technokratische Herrschaftstechnik entwickelt, ist die Wissenschaft von der Gesellschaft und der Geschichte statt Aufklärung hierzulande also der sekundären Bearbeitung des kollektiven Seelenlebens verpflichtet. Den wichtigsten Sammelband darf herausgeben, wer als erster „Paradigmenwechsel“ geschrien hatte. Am besten noch während sich das Geschichtsbewusstsein in der manifesten Phase befindet, denn das wird selbstverständlich nicht als Kern des Symptoms angesehen, sondern als Anzeichen dafür gelesen, dass da jemand während des allgemeinen Taumels kühlen Kopf und Analysefähigkeit bewahrt hatte. Was folgt, ist die Ruhe nach dem nächsten Sturm.

Die Linke rätselt derweil, welchem herrschaftlichen Kalkül der letzte Ausbruch des Geschichtsbewußtseins nun wieder folgte und spürt den zahlreichen „Geschichtsfälschungen“ nach, die mit ihm einher gingen. All das liegt zumeist nicht völlig daneben, aber der spezifisch deutsche Sinn des ganzen Zinnobers enthüllt nicht die politische Analyse, sondern die ideologiekritische Deutung, die zu dem altbekannten Ergebnis führt, dass die deutschen Zustände „unter aller Kritik“[7] sind.

„Deutschland“ kann daher für die Linke kein Thema sein, wie etwa die Familie ein Thema der feministischen Kritik zu sein hat, weil sich in ihr als gesellschaftlicher Gegebenheit persönliche Dispositionen ergeben, die die Geschlechtscharaktere bestimmen, denen die Kritik gilt. Dementsprechend taugt der 3. Oktober auch nicht als Anlass, Deutschland als Thema zu behandeln. Die apolitische Verfassung der deutschen Ideologie, ihr irrealer Gehalt, entzieht die deutschen Zustände der politischen Bearbeitung. Der Vorwurf, die antideutsche Kritik habe nach der Verabschiedung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit einen neuen Hauptwiderspruch aufgemacht, ist falsch, weil es keinen spezifisch deutschen Widerspruch gibt, der politische Prozesse erklären könnte. Subjektiv plausibel wird er nur als Abwehr der Einsicht in die deutschen Zustände, weil die Unfähigkeit der hiesigen Öffentlichkeit, politische Widersprüche überhaupt wahrzunehmen, jedes Politisierungsvorhaben affiziert.

Wenn „die Antideutschen“ heute als eine ein-Punkt-Bewegung erscheinen, die die Linke mit den immer gleichen Themen Antisemitismus und Israelsolidarität nervt, ist dies die Kehrseite der Unfähigkeit der Linken, die Besonderheit der Umstände, unter denen sie agieren, wenigstens an Antisemitismus und Antizionismus, die tatsächlich Thema sein könnten, wahrzunehmen. Wenn der Teil der Linken, der der antiimperialistischen Regression nicht vollends erlegen ist, den 3. Oktober als Anlaß für eine Kritik an jeder Nation und an Herrschaft im Allgemeinen nimmt, nur um bei der nächsten Gelegenheit selbiges zum G8-Gipfel zu machen, ist daran nicht zu kritisieren, dass Deutschland Deutschland dabei nicht zum Thema wird. Denn geschähe dies mit den zur Verfügung stehenden Mitteln politischer Mobilisierung und mit dem Spruch im Hinterkopf, dass der Hauptfeind im eigenen Land steht, bliebe wirklich nichts als die „reine Ideologiekritik“, die allerorts gefürchtet wird. Zu kritisieren ist vielmehr, dass sie sich wieder darum drücken wird, den allgemeinen deutschen Schrecken an denjenigen Themen darzulegen, die sie sich zur Bebilderung der Nationenkritik ausgesucht haben. So würde wenigstens klar, unter welchen Bedingungen etwa Hartz-IV anzugreifen ist.

III. Deutsche Geschichte

Damit dies gelingt, müssten die historischen Auswirkungen der tatsächlichen nationalen deutschen Tat, der nationalsozialistische Vernichtungswahn, in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Bei Marx stand 1844 die Feststellung, dass die deutschen Zustände unter aller Kritik sind, noch in einer Reihe mit der, dass sie sich auch „unter dem Niveau der Geschichte“ befänden. Nun kann aber eine Feststellung, die Marx bereits vor dem Scheitern des Revolutionsversuchs von 1848 machen konnte, noch nicht die ganze Wahrheit über die deutschen Zustände heute sein. Nicht, dass an den Schriften, die Marx der deutschen Ideologie gewidmet hat, nicht auffallen würde, dass darin bereits die zentralen Elemente der aktuellen deutschen Ideologie vom humanitären Völkerrecht auf den Punkt gebracht sind: „Diese hochtrabenden und hochfahrenden Gedankenkrämer [die Junghegelianer, um die es in „Die deutsche Ideologie“ geht, jm], die unendlich weit über alle nationalen Vorurteile erhaben zu sein glauben, sind also in der Praxis noch viel nationaler als die Bierphilister, die von Deutschlands Einheit träumen. Sie erkennen die Taten andrer Völker gar nicht für historisch an, sie leben in Deutschland zu Deutschland und für Deutschland, sie verwandeln das Rheinlied in ein geistliches Lied und erobern Elsaß und Lothringen, indem sie statt des französischen Staats die französische Philosophie bestehlen, statt französischer Provinzen französische Gedanken bestehlen. Herr Venedy [vermutlich Jacob Venedy, deutscher Liberaler des Vormärz und als solcher bewusster Protagonist einer deutschen Nationalbewegung nach französischem Vorbild, jm] ist ein Kosmopolit gegen die heiligen Bruno und Max, die in der Weltherrschaft der Theorie die Weltherrschaft Deutschlands proklamieren.“ (MEW 3, S. 41) Die über das Nationale scheinbar erhabenen Gedankenkrämer sind heute unzweifelhaft so Gestalten wie Habermas, Herfried Münkler und überhaupt alle, die glauben, positiv gegebenes Völkerrecht auszulegen, wenn sie den USA das Kriegsrecht erklären.

Genauso sehr fällt aber auf, dass der aggressiv polemische Stil seine Kraft aus Marxens Wunsch zieht, dass deutsche Bürgertum würde endlich mal die Waffe zur Hand nehmen und seinen Job erledigen. Dass im Rückblick der Wunsch, dass die Landsleute besser beim Bestehlen der französischen Philosophie geblieben wären, an Attraktivität gewinnt, ist ihm nicht zum Vorwurf zu machen. Aber beibehalten werden kann die Grundkonzeption auch nicht. In der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, ein antideutsches Feuerwerk sondergleichen, überführte Marx die Einsicht, dass dieser Wunsch unerfüllt wird bleiben müssen, in die Hoffnung, dass das Proletariat daher zwar gegen die Deutsche Ideologie, aber auf ihrem Boden, die universelle Emanzipation der Menschheit vorantreiben wird, weil ihm gar kein anderer Ausweg bleibt. Die Zustandsbeschreibungen sind gnadenlos: „Ja, die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.“[8](Hervorh. im Original) Die Hoffnung war dafür umso größer: „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.“[9]

Letzteres blieb bekanntermaßen aus. Dass es die Deutschen 1871 tatsächlich schaffen sollten, nach der Beerdigung der Freiheit im nationalen Mythos eine Totgeburt zu feiern, weswegen das reine Produkt der Nation eine Vernichtungsmaschinerie wurde, konnte Marx nicht ahnen. Dass Deutschland denken Auschwitz denken heisst, drückt aus, dass nun auch das deutsche Volk eine Tat hat, die als historisch anerkennt werden muss. Die Welt drückte diese Anerkennung aus, indem sie Deutschland die nationale Souveränität entzog, aber gleichzeitig, die Dialektik der Aufklärung fortsetzend, ein Tabu über den Grund der Nicht-Souveränität verhängte. Dies entzog auch den jeweils eigenen Nationen den Boden. Ideologischer Ausdruck des Tabus war die UN Menschenrechtserklärung von 1948. Dort heisst es in Artikel 2: „Jeder Mensch hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer und sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen.“

Es ist dies die Neuformulierung der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ abzüglich des in strengem Sinne individuellen und bürgerlichen, also eine Neuformulierung nach der erfolgten Liqudation des bürgerlichen Individuums, dass sich in der Nation selbst vergewisserte. Die Unterschiede, von denen abgesehen werden soll, sind entindividualisiert, d.h. in ihnen sind die Resultate zum Beispiel der Rassenbiologie grundsätzlich als Fakt anerkannt. Dass auch von „politischer Überzeugung“ abgesehen werden soll, entzieht die aufgezählten Resultate der nationalen Formierung der Reflexion auf ihren gesellschaftlichen Gehalt und lässt sie als die Konstruktionen erscheinen, als die die dekonstruktivistische Theorie sie behandelt. So wird unmittelbare Geltung der Rechte proklamiert und gleichzeitig, im Gegensatz zur Zeit der bürgerlichen Revolutionen, ein substanz- und machtloses Ideal.

Mit anderen Worten: Der „nationale Nihilismus“, den die Deutschen sich so gerne von ausländischen JournalistInnen bescheinigen lassen, ist der der anderen Nationen. Weil sie sich selbst verpflichteten, von nun an im Menschenrecht von der nationalen Herkunft der Individuen abzusehen, mussten sie ihr eigenes nationales Bewusstsein derealisieren, um zur einen Seite hin antifaschistisch der deutschen Realität Herr zu werden, und zur anderen Seite hin die Einsicht zu vermeiden, dass die eigene nationale Konstitution und der deutsche Wahn der gleichen Gesellschaftsformation angehören. Bei den Deutschen hingegen blieb wie immer alles anders.

Andernorts hatte die Entsubstantialisierung der Nation durchaus positive Folgen. Die Notwendigkeit der Entnazifizierung wurde dort ernst genommen und mehr oder weniger freiwillig praktiziert, wo sie am wenigsten notwendig war. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, der antikoloniale Antirassismus und der Feminismus profitierten davon, dass Rassismus und Sexismus, den die nationale Einheit impliziert, keinen Segen mehr von der Legitimität des Staates erhalten. Die Abstraktion von der nationalen Herkunft der Einzelnen ist ein permanenter Einspruch gegen die permanente Aneignung der Genealogie der Generationen durch den nationalen Mythos. Weil die Einheit im Mythos aber nicht der Grund der Nation ist, ist das kein Anlaß, das Verschwinden der zugehörigen Ideologie anzunehmen. Und tatsächlich quillt sie aus jeder Pore der Weltgesellschaft der Nationen, um gleichzeitig vehement verleugnet zu werden. Am Ende wollen alle ihre Ressentiments immer im Sinne des Menschenrechts gemeint haben, weil sie doch nur auf die nackte Existenz der Fakten Rasse, Geschlecht und Abstammung verwiesen haben, die erst in der Abstraktion von ihnen zu diesen vermeintlich unbedeutenden Fakten wurden.

Die Kritik des Antisemitismus hat von dieser Logik nicht profitieren können. Obwohl Auschwitz, als Produkt des Antisemitismus, der unmittelbare Anlaß der Neufassung der Menschenrechtserklärung war, verschwand die Eigenart des Antisemitismus irgendwo zwischen der Abstraktion von „Rasse“ und „Religion“ und er konnte auch nicht vermittelt mitbehandelt werden, weil im antisemitischen Ressentiment ja gerade die abstrakte Vermittlung der Gesellschaft abgespalten wird und wahnhaft zu einer Besonderheit stilisiert wird. So konnte er sich als Antizionismus geopolitisch reproduzieren. An der UNO Antirassismuskonferenz in Durban lässt sich nachvollziehen, dass zwar nach dem gleichen Muster wie beim Rassismus niemand antisemitische sein will, aber gleichzeitig werden die Inhalte des Ressentiments offen erneuert. Israel, dessen Konstitution nicht nur historisch mit der Neufassung der Menschenrechtserklärung zusammen, sondern auch logisch mit ihr in eins fällt, ist, und das ist die aporetische Widerspruch seiner Entstehung, der einzige Staat, der sich die Abstraktion von der eigenen Nationalität nicht leisten kann. Deshalb muss es als Nation verteidigt werden. Der Rassismus, der Israel von der „Weltgemeinschaft“ vorgeworfen wird, ist die verleugnete Allgemeinheit der NS-Rassenideologie.

Was in Deutschland die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität war und der deutschen Ideologie zu neuem Selbstbewußtsein verhalf, war international der Bruch des Tabus über den Grund der deutschen Nicht-Souveränität. Auch hierfür steht der 3. Oktober. Die mit der Renaissance des Antisemitismus nicht nur im Nahen Osten verbundene allgemeine politische Regression hat ihre Voraussetzung darin, dass die den nationalen deutschen Interessen Schaden zufügenden Folgen nicht zu vergleichen sind mit denjenigen, die die Niederlage der realsozialistischen Staaten auf dem Weltmarkt und im kalten Krieg mit sich brachte. Von den aus dem Weltmarkt resultierenden verheerenden Lebensbedingungen im Trikont ganz zu schweigen. Wer als Meister der Krise aus dem allgemeinen Desaster immer als Exportweltmeister hervorgeht und überall Goethe-Institute abstellen kann, kann so falsch nicht gelegen haben.

Dass der coffee dermaßen to go ist, bedeutet nicht, dass die Linke in Deutschland einfach aus der hiesigen Ideologie auswandern kann. Weder zurück in den Klassenkampf noch auf klassisch internationalistische Weise, etwa in die südamerikanische Multitude oder unter umgekehrtem Vorzeichen islamismuskritisch in den Nahen Osten. Dies hat weniger etwas zu tun mit individueller Prägung, die mensch nicht so schnell losbekommt, als damit, dass Deutschland eben doch Weltgeschichte gemacht hat und die Perspektive von Marx aus der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie nur noch verschoben Gültigkeit haben kann. Nicht „In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen“, sondern „keine Art der Knechtschaft wird gebrochen werden, ohne dass Deutschland gebrochen wird“.

JustIn Monday


[1]http://www.bundestag.de/parlament/praesidium/reden/2007/014.html. Alle nicht weiter gekennzeichneten Zitate von dort.

[3]Vgl. hierzu den Text zu Geschlecht und Nation.

[4] Vgl. hierzu insbesondere S. 21, Sprechblase 12

[5]Kramer, Jane, Unter Deutschen, Briefe aus einem kleinen Land in Europa, Berlin 1996

[6]So aufgezeichnet von Wolfgang Pohrt in: „Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit“, Berlin 1992

[7]MEW 1, S. 380

[8]MEW 1, S. 376f

[9]Ebd., S. 391