Ist das Volk ein Paar?

Mehr Frauen als Männer hätten vor den Fernsehern gesessen und sich das Spiel Deutschland-Türkei während der vergangenen Männer-Fußball-Europameisterschaft angesehen, schlagzeilte die Bildzeitung wenige Tage nach dem Ereignis und feierte, dass „König Fußball immer weiblicher“ werde. Zwei Jahre davor hatten etliche Zeitungen stolz verkündet, dass der Anteil von Frauen beim öffentlich-kollektiven Hymne-absingen vulgo Fan-Feste beinahe die Hälfte betragen hatte. Die weiblichen Fans, hieß es in einer dpa-Meldung zur EM, hätten zum nationalen Rausch im „Deutschland-Bikini“ und mit „schwarz-rot-goldener Körperbemalung“ sehr wohl „ihren Teil beigetragen“ zur guten Laune. Was Publikum und Medienfuzzis intuitiv selbstverständlich, der Zusammenhang zwischen Nation und Weiblichkeit, ist in feministischen Diskussionen schon lange Gegenstand. „Wenn Nationen miteinander in Konflikt geraten“, formuliert die Sozialwissenschafterin Ruth Seifert, „wird Gender/Weiblichkeit regelmäßig politisiert und in Beziehung zur politischen Identität der Gruppe gesetzt.“ /1/ Oder um Anette Dietrich stellvertretend für viele andere zu zitieren: Die Nation werde „u. a. durch die duale Geschlechterordnung symbolisiert und repräsentiert.“ /2/ Dem entgegen zu halten ist jedoch, dass nicht in dieser oder jener Situation von Krieg oder Fußball-WM Weiblichkeit „politisiert“ wird und so zur Identifizierung, Symbolisierung oder Repräsentation der Gruppe taugt, sondern dass es überhaupt kein Denken oder besser: Fühlen von Nation gibt, das ohne Bezugnahme auf Frauen auskommt – wie umgekehrt Weiblichkeit als solche auf Nation verweist.

Die Entstehung der Nation und jene der Geschlechtscharaktere gingen historisch Hand in Hand und sie reproduzieren sich durch die Dialektik der Aufklärung hindurch permanent neu. Weiblichkeit und Nation gehören dem Bereich emotionaler Gewissheit an, beide sind Gewusstes, aber im bürgerlichen Denken nicht Befragtes. Während den liberalen Vertragstheorien des 18. Jahrhunderts klar war, dass sie einen logischen Beginn des Staates annehmen müssen (»Gesellschaftsvertrag«), lag die Nation stets eher im Bereich des immer schon Gegebenen. Der Dritte Stand, der bekanntlich Alles umfasste, ist vor dem Staat als seiner politischen Verfassung gedacht worden. „Ist die Nation doch zuerst da, ist sie doch der Ursprung von allem“, verkündete 1789 der Abbé Sieyes, in seinem berühmten Pamphlet Was ist der Dritte Stand? und fuhr fort: „ihr Wille ist immer gesetzlich, denn er ist das Gesetz selbst. Vor und unter ihr gibt es nur das Naturrecht.“ Dieser Wille befindet sich „im Naturzustand“ und braucht zu seiner Entfaltung „nur die natürlichen Merkmale eines Willens.“ /3/ Wie die Natur dem Willen, gehört die Freiheit dem Menschen als solchem an: frei geboren, aber überall in Ketten, die zu sprengen die Französische Revolution als Verwirklichung des Menschenrechts angetreten war. Angeboren oder natürlich heißt hier aber weder biologisch-organisch oder sonst in irgendeiner Form am leiblichen Körper, am Blutkreislauf oder an der Gehirnmasse haftend. Sprach die Aufklärung von Natur, dann meinte sie in diesem Zusammenhang nicht den Leib-Körper und seine Geschlechtsorgane, schon gar nicht Chromosomen, Kohlenstoffatome, Sternlein, Landschaft, Wald und Wiese, sondern das, von dessen Werden nichts gewusst wird und auch nichts gewusst werden darf. Natur, erklärte das Wörterbuch der Kritischen Philosophie 1801, heißt „soviel als der subjective Grund des Gebrauchs der Freiheit überhaupt (unter objectiven moralischen Gesetzen), der vor aller in die Sinne fallenden That hergeht.“ /4/ Dieser Grund bleibt der kritischen Philosophie, womit jene Kants gemeint war, so „unerforschlich“ wie er dem Einzelnen „allgemein als Mensch“ (ebd.) eigen ist. Natur bedeutete demnach nicht nur die Prädestination zur Freiheit, sondern ebenso den Gebrauch von Freiheit. Wer nicht dem Begriff vom allgemeinen Menschen entsprach, der oder die war nicht Natur, sondern der Gebrauch gesellschaftlicher Natur fehlte ihm oder ihr. Weiblichkeit war insofern nicht etwas, das »für Natur steht«, sondern kam nicht – wie auch alles, was der Aufklärung als »wild« und unzivilisiert galt – über das hinaus, was vor aller That liegt. Frauen wurde die Fähigkeit abgesprochen, ihre natürliche Freiheit als menschliche Wesen – soweit waren sie in die Gesellschaft eingeschlossen – auch zu gebrauchen. Weder schlicht dumm gehalten, noch aus dem Geltungsbereich der bürgerlichen Gesetze ausgeschlossen, blieb ihre Bildung dennoch folgenlos, weil es ihnen an der Intention zur Handlung, zur Anwendung und Gestaltung von Wissen und Gesetz zu mangeln hatte. Falls sich dieser Mangel nicht einstellte, wurden sie für bedrohlich gehalten.

Im bürgerlichen Mann hingegen vereinigten sich die Bestimmung zur Freiheit und deren Gebrauch zum Willen. Er versteht nicht nur das Gesetz – ob jenes der Natur oder des Staates bleibt sich hier gleich –, er kann es auch anwenden. Was die männlichen Einzelnen sich vor aller in die Sinne fallenden That zur Voraussetzung nehmen, ist das, was die bürgerliche Gesellschaft immer meint, wenn sie Natur sagt: Blind-Gesellschaftliches – Gewalt, die mit der Wandlung von persönlicher in abstrakte Herrschaft keineswegs verschwunden, sondern zum Geheimnis der Gesellschaft geworden ist. Was sich die Männer und mittlerweile auch die arbeitenden Frauen antun lassen müssen und als gebildete/r nach erfolgreicher Erziehung sich selber antun um Subjekt zu bleiben, muss entweder vergessen oder aber gewollt werden. Das mit sich selbst identische Individuum kann sich nicht im Medium der Vernunft auf die Voraussetzung seiner Identität beziehen, sonst wäre es weder vernünftig noch identisch. Liebe, nicht Logik überwindet diesen Graben. Worauf es sich bezieht ist weder das Andere noch ein Außen, denn die bürgerliche Gesellschaft kennt kein Außen: was danach aussieht, hat seine Form von ihr selbst bekommen. Hierzu hat das (männliche) Individuum kein funktionales Verhältnis und auch kein logisches: Von Argumenten hat sich weder die Nation jemals beindrucken lassen, noch das Geschlechterverhältnis, das sich durch alle Frauenbewegung und die im wesentlichen durchgesetzte rechtlich Gleichstellung von Mann und Frau hartnäckig erhält. Die Liebe zum notwendigen Zwang vermittelt die Weiblichkeit.

So, wie der Dritte Stand aber nicht abgewartet und auf das blinde Wirken der Natur vertraut hat, wussten die aufklärerischen Ratgeber zur Mädchenerziehung sehr genau, dass das Mädchen nicht einfach Frau ist, sondern eine solche werden muss. Härteste Disziplin war von ihr gefordert um ihre Natürlichkeit zu bewahren, was bedeutete nichts zu erlernen, was die systematische Beherrschung von Natur erlauben würde. Garten- und Handarbeit: ja, wissenschaftliche Biologie oder Konstruktion einer Spinnmaschine: nein. Das Kennzeichen künstlich gebildeter natürlicher Weiblichkeit war Abhängigkeit und das Mädchen des 18. Jahrhunderts sollte sich ihr nicht ohnmächtig unterwerfen, sondern freudig in die weibliche Pflicht einwilligen. Ergebnis des Weiblichkeitsdiktats ist, in Barbara Dudens Worten, „die psychische Zurichtung als eine Person ohne Ich.“ /5/ Auch der bürgerliche Mann kann sich nicht auf der Stabilität seines Ich ausruhen, seine Autonomie ist prekär. Die Brüchigkeit nicht fühlbar werden zu lassen, ist der Job der Frau. Deren abhängig-kindliche Verfassung hält dem Mann gegenüber nicht nur die Erinnerung an einen Zustand wach, der überwunden werden soll, sondern sie ruft auch ein Gefühl liebevoller Rührung hervor. Der Mann liebt darin etwas an sich selbst. Die Liebe ist jener Modus, in dem sich das identische Ich des Bürgers nicht schmerzhaft zerrissen erfährt, sie ist das Medium, in dem der Mann seinen Subjektstatus auch will. So betrachtet wäre die Ehe eine permanente Demonstration gelungener Selbst- wie Naturbeherrschung des bürgerlichen Mannes; nicht umsonst galt erst der verheiratete Mann als respektables Mitglied der Gesellschaft und als zuverlässiger Staatsbürger. Auch in einer Gesellschaft, in der Männer queer sein und Frauen arbeiten gehen dürfen, haben geschlechtliche Liebe und jene zum Vaterland dieselbe Quelle. Das sich durchsetzende Wissen um die Konstruktion der Geschlechter scheint nicht dazu zu führen, deren Abschaffung näher zu kommen, ganz im Gegenteil. Die Bemühungen, ein Beziehungsgen oder eines für Mathematik oder für sonstigen Kram zu finden, scheinen sich noch zu steigern – von den unerträglichen TV-Shows und Texten der Sorte »Warum Männer dies und Frauen jenes sind oder können« ganz zu schweigen.

Wusste das zur Macht drängende Bürgertum anderer Länder während revolutionärer Zeiten, dass die gesellschaftliche Natur herzustellen, d. h. aktiv in ihr Recht zu setzen ist, haben sich die mehr auf Evolution denn auf Revolution setzenden deutschen Bürger auf das Sein und nicht auf das Werden des natürlichen Willens zur Nation verlassen. Aus der tätigen, kämpfenden Nation, die sich gegen den ständischen Partikularismus durchzusetzen hatte, haben etwa die französischen Revolutionäre am Ende des 18. Jahrhunderts die konkreten Frauen mit einigen Mühen ausgeschlossen, um sie als allegorische Darstellungen des Vaterlandes, der Freiheit und sonstigem Unvergänglichem zu installieren. Die deutsche Nationswerdung kannte hingegen kaum politische Kategorien, die Deutschen konzentrierten sich auf die Anrufung des Unvergänglichen. Mangels eigenen revolutionären Tuns waren sie damit beschäftigt, entweder den partikularen Charakter der Nation in überschwänglichem Kosmopolitismus zu leugnen (Kant), oder sich gegen das revolutionäre Frankreich auf ein deutsches Wesen zu besinnen (Fichte). Zum Trost machten sie ihre Nation schließlich zum immer schon vorhanden gewesenen Volk. Vielleicht erschließen sich daraus die im internationalen Vergleich unglaublichen Spezifika deutscher Familienpolitik, die unbeeindruckt von Geburtenraten von der Angst geprägt zu sein scheint, die Deutschen könnten aussterben. Warum es die Einzelnen überhaupt beschäftigt, ob nach ihrem Ableben weiterhin noch kleine oder große Deutsche herumlaufen, lässt sich wohl nur damit erklären, dass der Drang, sich in der Zeit fortzusetzen weniger ein Verhältnis zu in Zukunft lebenden Menschen bezeichnet, als zur eigenen Person. Das hieße dann: Man höchst persönlich könnte aussterben, gäbe es keine Deutschen mehr. Der Unterschied der deutschen zur amerikanischen, britischen oder französischen Nation besteht diesbezüglich darin, dass erstere in ihrer Geschichte das bürgerlich-selbstbewusste Moment der politischen Handlung zur Herstellung der Nation kennen, während über die Deutschen immer schon das Schicksal hereingebrochen ist. Aber jede Nation bildet sich dadurch, dass die Bürger selber etwas Ewiges-Geschichtloses, Natürliches, an sich haben, sonst könnten sie keine Bürger bleiben. Gleichzeitig versichern sich die Einzelnen als Gemeinschaft dieses Ewigen an der Nation und damit sie es auch lieben können, bekommt es die Namen Marianne oder Britannia oder Germania.

Wie sich die Frau zum Mann verhält, so die Nation zum Staat: als sein gesellschaftlich gemachtes Natursubstrat, als das, woran Festigkeit und Dauerhaftigkeit gegründet wird. Nur Weib, Kind und Familie – in Deutschland darüberhinaus auch niedliche pelzige Tiere – sind imstande nationale Rührseligkeit auszulösen. Ohne Deutschland-Bikini keine Stimmung auf dem Fan-Fest, Abendbrot bereiten ist Bundesliga. Im Unterschied zum Staat, zu dem die Einzelnen ein mehr oder, insbesondere in Deutschland, weniger sachliches Verhältnis als steuerzahlende und wählende BürgerInnen haben, ist die Nation eine gefühlte Angelegenheit, eine Art erweiterte Familie, die erlaubt auch Wildfremden gegenüber persönlich-affektive Gefühle zu hegen. Verbindet die Familie den privaten, gefühl- und gemütvollen Menschen mit dem austauschbar-anonymen Arbeitenden – wofür rackert man sich denn ab, wenn nicht für die Kinder? –, so verschmilzt die Nation die Familien generationsübergreifend zum Staat. Die Nation gehört derselben Natur an wie die Weiblichkeit: mystifizierte gesellschaftliche. Von der Mystifizierung als Tätigkeit gar nichts mehr erfasst schließlich jene Gesellschaft, die Weiblichkeit auf körperliche Eigenschaften zurückführt. Die Geschichte des schwarzrotgold bemalten Frauenkörpers beginnt nicht mit der Gebärfähigkeit, sondern mit dem Stickrahmen des bürgerlichen Mädchens.

Wenn die Deutschen bejubeln, dass „König Fußball“ weiblich wird, ist das mitnichten Freude über das Bröckeln einer Männerdomäne oder gar als Pluspunkt auf feministisch-gesellschaftskritischer Seite zu verbuchen: Gerade weil es nicht um Fußball, sondern um deutschen Fußball ging – eine Trennung, die ohnehin nur bedingt haltbar ist –, zeugte die Anwesenheit der Frauen, unserer Frauen, von der nationalen Qualität des Spektakels. Weil das „Sommermärchen“ der verkniffen-lockeren Deutschen so nahe am Kriegspielen war, haben so viele Frauen unsere Jungs unterstützt: Zwar nicht im Lazarett verwundete Helden pflegend, haben sie doch qua Bemalung und Bikinis in den Farben der Nationalfahnen an der Heimat-Fan-Front für die Aufrechthaltung der Stimmung gesorgt und dadurch ganz offen demonstriert, was Weiblichkeit im Kontext der Nation bedeutet: das, woran deren Einigkeit zu beweisen ist.

M.D.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der McGuffin Foundation.

Anmerkungen:

/1/ Seifert, Ruth: Weibliche Soldaten: Die Grenzen der Nation und die Grenzen des Geschlechts, Artikel aus: Ahrens, Jens-Rainer et al (Hrsg.): Frauen im Militär. Empirische Befunde und Perspektive zur Integration von Frauen in die Streitkräfte, Wiesbaden 2005.

/2/ Dietrich, Anette: Weiße Weiblichkeiten. Konstruktion von »Rasse« und Geschlecht im deutschen Kolonialismus, Bielefeld 2007.

/3/ Sieyes, Emmanuel Joseph: Was ist der Dritte Stand? in: Ders.: Politische Schriften 1788-1790, München/Wien 1981.

/4/ Mellin, George Samuel Albert: Enzyklopädisches Wörterbuch der Kritischen Philosophie oder Versuch einer fasslichen und vollständigen Erklärung der in Kants kritischen und dogmatischen Schriften enthaltenen Begriffe und Sätze, Bd. 4, Repr. Aalen 1971.

/5/ Duden, Barbara: Das schöne Eigentum. Zur Herausbildung des bürgerlichen Frauenbildes an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, in: Kursbuch Nr. 47, Berlin 1977.

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