Coffee to go

oder: Wofür steht der 3. Oktober?

I. Nation

Wenn die Landsleute sich ihrer nationalen Einheit versichern möchten, ist einer der häufigsten Tricks derjenige, sich des Unverständnisses des Auslands zu vergewissern. Norbert Lammert, als Bundestagspräsident zuständig für die Festrede[1] am vergangenen Tag der deutschen Einheit in Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt Schwerin, bemühte zu diesem Zweck eine nicht näher genannte „französische Journalistin“, um „eine aufschlussreiche Geschichte“ zum Stand des nationalen Selbstbewußtseins zum Besten zu geben. Wie die französischen Journalistinnen zahlreicher anderer RednerInnen, die ihr Wort zu nationalen Einheit erhoben haben, habe dieses Exemplar „geradezu fassungslos registriert“, dass ein „deutscher Ladenverkäufer“ ihr das Gefühl gegeben hat, „etwas Unanständiges, jedenfalls Unpassendes gesagt“ zu haben, als sie einen „schönen Nationalfeiertag“ wünschte. So kann das ja nichts werden mit dem Ansehen Deutschlands in der Welt, dachte Lammerts, und ganz der mutige Nonkonformist, der er nun mal ist, wusste er aufmunterndes entgegen zu setzen: „Der 3. Oktober ist aber ein Tag der Freude und ein Anlass zum Feiern – mithin also auch ein Grund für Kaffee und Kuchen.“

Der Aufruf zum nationalen Kaffeekränzchen bildete die schließende Klammer einer Rede, an deren Beginn Kaffee und Kuchen noch für die Unfähigkeit zur Einheit gestanden hatten. Mehr als Kaffee und Kuchen sei die Wiedervereinigung nicht gewesen, hatte Hans Magnus Enzensberger 1987 in einem fiktiven Dialog über die Resultate der damals noch genauso fiktiven Wiedervereinigung einen ebenfalls ausländischen Journalisten sagen lassen. Lammert hielt diese Inszenierung des uralten deutschen Selbstbilds vom verzagten Michel offensichtlich für so originell, dass er glauben konnte, irgend wen mit der Ankündigung zu locken, er könne das Gegenteil beweisen. „Ausser Kaffee und Kuchen nichts gewesen? Eben doch!“ hob er an, um die „Einheit“ als eine „Erfolgsgeschichte“ zu beschreiben und am Ende doch wieder am angeblich überwundenen Ausgangspunkt zu landen.

Es ist nicht schwer, die Rückkehr zur kleinen Erzählung von den Deutschen als harmlose Tölpel zu entziffern als zwangsläufiges Resultat des Unwillens, all das aufzuzählen, was die Wiedervereinigung tatsächlich zu mehr gemacht hat als einem Kaffeekränzchen. Wer mitten in Mecklenburg-Vorpommern steht und erzählt, die Teilung des Landes sei überwunden worden, weil die „rechtsstaatliche Ordnung der westdeutschen Demokratie […] eine solche Faszination ausgeübt habe“, weiss, dass dies schlichtweg die Unwahrheit ist. Zu leicht ist es einzusehen, dass dort, wo regelmäßig „mit Leidenschaft im Bein“ (Sportfreunde Stiller) Springerstiefel und anderes Schuhwerk geschwungen wird, denjenigen, die eine rechtsradikalen Jugendkultur sich bewegen lassen wie der Fisch im Wasser, die Rechtsstaatlichkeit der Ordnung, nach der die Ausübung von Gewalt einzig und allein Aufgabe des Staates ist und somit den Beschränkungen des Rechts unterliegt, am Arsch vorbei geht. Auch dürften einem Bundestagspräsidenten die einschlägigen Studien bekannt sein, nach denen ca. ein Viertel der BundesbürgerInnen (29% im Osten) der Ansicht sind, „Deutschland brauche eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.“ Die Faszination, die hierzulande von der nationalen Einheit ausgeht, gilt eindeutig etwas anderem als der Möglichkeit, gesellschaftliche Konflikte unter den Bedingungen von Gewaltenteilung und parlamentarischer Demokratie politisch zu regeln. Dies gilt auch für die lupenreinen Demokraten, die mit Meinungsumfragen herausbekommen möchten, ob die Befragten „mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland“ zufrieden oder unzufrieden sind. Wenn das Funktionieren einer Demokratie mehr sein soll als die Fähigkeit der BürgerInnen, im Wahllokal eine Stimme abzugeben sowie die ordnungsgemäße Auszählung dieser Stimmen, wenn der Demokratie also in einem allgemeinerem als in einem rein technischen Sinne ein Funktionieren unterstellt werden kann, dann gerade dann, wenn sie dazu führt, dass sich konfligierende Interessen gegeneinander durchsetzen, ohne dass dabei diejenige Gewalt zum Einsatz kommt, die die gesellschaftlichen Gegensätze im Naturzustand des Kapitals stiften. Dass in der besagten Umfrage[2] 49% der Befragten Zufriedenheit und 51% Unzufriedenheit bekundeten, könnte daher locker durchgehen als Protokoll des Sachverhalts, dass unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen eben niemals alle zufrieden sein können. Das bringen die vor jeder politischen Vermittlung antagonistischen Interessen eben so mit sich. Es könnte dies so sein, ist es aber nicht, denn es ist davon auszugehen, dass die Befragten die gleiche Ideologie teilten wie die Fragenden, die das Ergebnis der Studie unter der Überschrift „Zweifel an der Demokratie“ zusammenfassten. Ein parlamentarisches System, in dem alle Beteiligten „Volkspartei“ sein, also bruchlos das Ganze vertreten wollen, ist daher ohnehin nichts anderes als ein Einparteiensystem mit öffentlichem Casting vor der Postenvergabe. Als undemokratisch gilt hierzulande, wer ein partikulares Interesse überhaupt artikuliert, und antidemokratisch gebärdet sich die Ansicht, das Mehrparteiensystem lasse den Interessen der Einzelnen zuviel Raum, weil wichtige „Sachentscheidungen“, die allen ihr nationales Opfer abverlangen, auch den Managern, im Parteiengezänk untergingen.

Unter diesem Gesichtspunkt konnte Lammert durchaus Erfolge vorweisen bei der „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“, wie sie das Grundgesetz vorsieht: „Die Ausdifferenzierung strukturschwacher Regionen und Wachstumszentren ist jedenfalls längst kein allein ostdeutsches Phänomen mehr, und ist es wohl auch nie gewesen. […] Viele Kreise in Ost- und Westdeutschland haben heute vergleichbare Interessen und ähnliche Probleme.“ Ein Lob auf die Krise, die wenigstens macht, dass es allen gleich schlecht geht. Ob der Hinweis, dass „die Landschaften“ im Osten zugegebenermaßen „nicht überall […] so eindrucksvoll [blühen]“ wie bei der „Bundesgartenschau“ in Thüringen, als unbewußte Charakterisierung der Erfolgsbilanz gelten kann oder als derber Spaß auf Kosten des Publikums, wird wohl auf ewig Lammerts Geheimnis bleiben.

Die zwanghafte Tendenz, entgegen aller Empirie die Harmlosigkeit der nationalen Idee der Deutschen und nicht die Einzigartigkeit ihrer historischen Taten zur Schau zu stellen, ergibt sich bereits aus der naheliegenden und von Lammert auch verfolgten Idee, „Einigkeit und Recht und Freiheit“ als Leitmotiv der Rede zu wählen. Aus jedem Satz der Rede quillt die Ansicht, dass die Ideale der Nation nichts sind, was den partikularen Interessen aller auf irgendeine Weise zugute kommen muss, um gerechtfertigt zu sein. Als Ideen sind sie in Deutschland nicht Resultate einer bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, in denen alle die Beschränkung ihrer privaten Interessen durch den Staat anerkennen können, damit ihnen ihre Liebe zur Ordnung und deren Gesetz nicht bitter aufstößt. Die realen historische Ereignisse, die an Nationalfeiertagen zumeist erinnert werden, also etwa der Sieg über Klerus und Adel oder der im Unabhängigkeitskrieg, sind solche, die tatsächlich zur Herbeiführung der geliebten Ordnung beitrugen.

Für diese Liebe gibt es auch andernorts keinen vernünftigen Grund. Dies lässt sich ebenfalls an den realen Verhältnissen erkennen. Der Ideologiekritik erweist sich dies aber auch daran, dass in jeder nationalen Geschichtsschreibung der realen historischen Praxis eine Wendung gegeben wird, die sie als Tat mystifiziert. Zunächst einmal wurde durch sie nur altes abgeschafft, also Geschichte gemacht. Da die dabei hergestellten Bedingungen aber die Basis des zukünftigen Tuns darstellen sollen, die nicht dem historischen Vergehen unterliegen sollen, muss die Nation gleichzeitig so dargestellt werden, als hätte sie auch noch ihre eigenen Voraussetzungen geschaffen. Die Nation wird damit ins Unbegründbare, umstandslos Geltende verschoben. Sie ist zudem genuin antimaterialistisch. Im Mythos wird sie zu dem Subjekt, das in der Realität der Wert ist, und die durch die Erbfolge des bürgerlichen Reichtums entstandene Genealogie der Generationen eignet sie sich genauso als scheinbares Vermögen an wie die Naturvoraussetzungen der kapitalistischen Produktion. Gemäß der bürgerlichen Geschlechterdichotomie spaltet sich in ihm die bürgerliche Macht in männliche Schaffenskraft und weibliche Reproduktivität und am Nationalfeiertag wird – beides gleichermaßen patriarchalische Phantasien – wahlweise eine jungfräuliche Geburt oder ein reines Produkt gefeiert.[3] Wer es poststrukturalistisch will, darf daher gerne davon reden, dass im nationalen Mythos alles Konstruktion ist und die Aus- und Einschlüsse, die Nation praktiziert, Diskursprodukte sind.

Ihren Halt findet die Nation am Staat, aber nicht ihr Glück in ihm. Letzteres wurde in Deutschland gesucht. Hier erscheint spätestens seit der französischen Revolution nicht die Geschichte, sondern der Mythos von der nationalen Einheit als der Ausgangspunkt der ganzen Chose. Als Ideen sollen die nationalen Ideale dementsprechend nicht aus den Lebensverhältnissen der Individuen folgen, sondern auf diese angewandt werden. Lammert wertet es daher noch heute als Teil der Erfolgsgeschichte, dass „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu „Gestaltungsprinzipien eines wiedervereinigten Staates geworden“ seien. Den Untertanen, deren Liebe zum Vaterland offensichtlich daran hängt, dermaßen gestaltet zu werden, kann er dann auch das Opfer zumuten, dass es nicht die „handfesten Interessen und Erwartungen, die zu Recht viele Deutsche mit der Wiedervereinigung verbunden haben“, sondern die Prinzipien der Gestaltung sind, die „die eigentlichen, die nachhaltigen Errungenschaften des 3. Oktober 1990“ seien. Was so neu sein soll wie die Waschkraft der Megaperls, erweist sich als ein Aufguss bekannter Blut-, Schweiß- und Tränen-Reden, also als uralter Dreck und Weißer Riese.

So musste also die Harmlosigkeit ausbrechen, weil auch Lammert das nationale Subjekt nicht benennen, sondern nur beschwören konnte und es daher kam, wie es kommen musste. An der deutschen Revolution war mal wieder die Welt genesen gewesen und niemand ausser den Kaffeetisch-Strategen hatte es bemerkt: „Die Revolution von 1989 brachte mit dem Überwinden der DDR-Diktatur einen einzigartigen Fortschritt: das Menschenrecht auf Freiheit.“

Mit Verlaub, Herr Bundestagspräsident, unter Umständen hat die „Revolution von 1989“ ja den BürgerInnen der DDR das Menschenrecht garantiert, aber im Allgemeinen gab es das schon vorher. Und irgendwie, weil unveräußerlich und so, aber überall in Ketten, war das Menschenrecht auch das Recht der vorausgesetzt Freien und nicht das auf Freiheit, also kein Anspruch von Unfreien der von Staats wegen gewährt werden könnte. Vielleicht, nur so als kleine Anregung, lesen Sie das nochmal nach. Einen hervorragenden Einstieg ins Thema Konstitution einer wahrhaft demokratischen Staatsgewalt bietet Lucky Luke Band 37, „Billy The Kid“[4]. Darin wird sogar die Beugehaft erklärt. Ob die DDR tatsächlich eine gute Antwort war auf das weltweit vorhandene Problem, dass mit dem „Menschenrecht auf Freiheit“ Arbeitszwang herrscht und es sich trotzdem noch immer prima verhungern lässt, wird dort leider nicht erörtert, aber das gehört ja auch nicht wirklich in Ihren Aufgabenbereich.

II. Geschichte

Nationales Bewußtsein in der Fassung der deutschen Ideologie verrät immer schon, dass es von der Furcht geprägt ist, der Konstruktion des nationalen Mythos verfallen, also letztlich keine Nation zu sein. Sie muss daher unterfüttert werden mit „Echtheit“, und früher oder später in Blut und Boden verpflanzt werden, also als Volk ewig sein. Diese Erkenntnis hat die Ideologiekritik dem Abgleich mit der brutalen Realität voraus, weil sie das Ideal am Möglichen mißt und nicht am Wirklichen, also nicht an der Vielfalt des Angebots im Supermarkt, sondern am Kommunismus, der die Vielfalt vom identitären Zwang der Arbeit befreit. Weil die Illusion von der Identität des Subjekts in der Zeit, auf die der nationale Mythos zielt, nicht aufrecht erhalten werden kann, wird erkennbar, dass die Konstruktion nationaler Geschichte haltlos ist und in dem Maß einer Obsession für sie weichen muss, in dem sie so naturwüchsig erscheint wie die Krise ihres verleugneten Grunds – der die Einzelnen vermittelnden Formwechsel des Werts.

Vielleicht ist hier am ehesten, wie beim Antisemitismus, von einer Abfolge von latentem und manifesten Geschichtsbewusstsein zu sprechen. Im Zustand der Latenz, dem die Rede Lammerts offenkundig zuzurechnen ist, erscheint Geschichte als ewiges Klein-Klein und zeitlose, aber entbehrungsreiche Banalität. Dabei kennt die nationale Geschichte weder Fort- noch Rückschritt und erst recht keine gesellschaftliche Praxis mit Voraussetzungen und Resultaten. Es herrscht die zyklische Wiederkehr des immer Gleichen. Das Ende des Kaffees ist der Anfang des Kuchens und die historische Dokumentation ist vom Tierfilm kaum zu unterscheiden. Außer vielleicht dadurch, dass in der historischen Dokumentation mehr sprechende Papageien vorkommen.

Im manifesten Zustand hingegen gilt jede Banalität als historisch. Versuche bewusster gesellschaftlicher Praxis oder organisierte Interessen sind aber auch hier nicht federführend. In einem Akt besinnungsloser Anpassung an aktuelle Ereignisse wollen alle die Herbeiführung dieser Ereignisse nationaler Bedeutung allein deshalb schon immer betrieben haben, weil sie sie aktuell miterleben und „ergriffen“ sind. Wovon ergriffen und warum sind Fragen, die da nur stören. Es herrscht tatsächlich Faszination, die die mühsame gesellschaftliche Praxis nicht erzeugen kann, sondern nur eine gut ausgedachte Geschichte. Am falschen Objekt aber bedeutet sie die Ästhetisierung der Herrschaft und damit das Grauen. So wurde 1989 aus der innenpolitischen Schwäche der DDR, die der Natur der Politik gemäß allen politischen Akteuren die Frage aufzwingt, wie damit umzugehen ist, wie durch ein Naturgesetz der „Vollzug der deutschen Einheit“, die nicht eine unter widerstreitenden politischen Optionen war, sondern das Nichts, dass alle abzüglich ihrer politischen Verfassung einen soll. Es gab genausowenig Konservative, die zur Beseitigung einer ökonomischen Ordnung aufriefen, die ihnen nicht passte, wie es SozialistInnen gab, die die Schwäche der DDR als Anzeichen dafür interpretiert haben, dass der Sozialismus doch nicht das zukunftsweisende Wirtschaftssystem war, als dass sie ihn zuvor betrachtet hatten. All dies und noch vieles mehr ist zwar geschehen, aber nicht vermittelt durch bewusst kommunizierte politische Entscheidungen. Vielmehr passierten die neuen Deutungen der Welt den Landsleuten so unwillkürlich, wie es keine noch so zugespitzte Theorie von der diskursiven Produktion der Subjekte, die nur Bewusstlosigkeit aber kein Unbewusstes kennt, fassen kann. Ein politisches Urteil über die DDR musste dementsprechend ausbleiben, und die gewendeten Linken hatten somit auch nicht politische Fehleinschätzungen zu korrigieren. Zur einen Seite hin entwickelte sich, vor allem im Osten, sentimentale Erinnerung ala „Good bye, Lenin“, und zur anderen Seite hin waren totalitäre Verfehlungen einzugestehen. Der antideutsche Antinationalismus der 90er-Jahre war daher die einzige Möglichkeit, eine oppositionelle Position aufrecht zu erhalten. Die alten politischen Hoffnungen wurden vom neuen Deutschland qua Konstitution abgestraft, also subjektiv mit den Mitteln, mit denen das Über-Ich gegen die ödipalen Wünsche vorgeht: Es braucht keine. Die Einheit vollzog sich, wie immer, im Familiendrama. Der einzig richtige Tag der deutschen Einheit ist Weihnachten, aber das ist schon besetzt. Während die Linken also ihr nach Öko-, Friedens- und Alternativbewegung ohnehin arg in Mitleidenschaft gezogenes politisches Urteilsvermögen über Bord warfen, hatten die Konservativen nicht in einem politischen Konflikt gesiegt, sondern die Ewigkeit zurückgewonnen. Geschichte wurde nicht gemacht, aber alles war dazu geworden.

Dieses kollektive Einschnappen war aber nicht nur die bedingungslose Anpassung an den status quo, sondern in gleichem Maße auch eine vorbeugende Maßnahme, die den status quo bestimmte und somit die Souveränität der Nation zum Naturzustand werden ließ. „Die Deutschen wollen, daß ihre Vergangenheit ihnen zugestoßen ist“[5], hatte einmal die ausnahmsweise nicht namenlose amerikanische Journalistin Jane Kramer den Sinn der deutschen „Politik der Erinnerung“ an den Nationalsozialismus auf den Punkt gebracht. Die einzige den Deutschen zur Wiedervereinigung zu unterstellende Absicht war die, dass sich alle so benahmen, dass das „wir haben von all dem nichts gewusst“ in Zukunft auch vom bösesten Willen nicht mehr angezweifelt werden kann. Nur für den Fall, dass auch diesmal wieder etwas schief gehen würde beim Projekt verfolgende Unschuld.

Spätestens mit der Feststellung, dass bei aller geschichtlichen Größe noch immer eine Steuererklärung abzugeben ist, tritt in der Folge dann Ernüchterung ein. Für den Mangel gesellschaftlicher Relevanz der völlig überdrehten nationalen Idee müssen dann die anderen büßen. Die Unmöglichkeit der nationalen Einheit wird praktisch und im Falle der Wiedervereinigung lauteten die Kategorien, in die sich die Reaktionsformen zusammenfassen ließen, „Golfkriegspazifismus“, „Ausländerverfolgung“ und „Serbienfeldzug“[6].

Statthalter der manifesten Phase des Geschichtsbewusstseins ist während der Latenz die „Kultur“. Die Zuständigkeit wechselt von der Inlandsredaktion zum Feuilleton. Dort kommt dann die „innere Einheit“ ins Gerede, die, von einer „Kultur des Dialogs“ angeleitet, „ein andauernder Prozess“ würde, womit sie on the fly diejenigen Prozesse ersetzt, die den nationalen Totschlägern und Brandstiftern kaum gemacht wurden und werden. Der Staat, gerade noch die Krone des Glücks, wird wieder zum Parteien- und Steuerstaat, mit dessen Instanzen diejenigen, deren Freude ein wenig überbordete, nicht unnötig belästigt werden sollen.

Im warenkundlichen Teil des Feuilletons, d.h. in den Rezensionen, lässt sich noch gefahrloser der Wechsel der Stimmungen inszenieren, der in der unmittelbar staatlichen Sphäre immer wieder mit Pogromen, Kriegen und dem wahnhaften Bündnis von Kapital und Arbeit verbunden ist. So wird beispielsweise alle paar Jahre der neue deutsche Film ausgerufen, in der Hoffnung, künftig die schlechte Laune nicht mehr mit den eingestandenermaßen viel besseren Produkten vor allem aus Hollywood heben zu müssen. Die Hoffnungen knüpfen sich dabei an Personal – SchauspielerInnen und Regisseure – die bisher noch nicht die Chance hatten zu beweisen, dass sie genauso unbrauchbar sind wie ihre VorgängerInnen. Sinn der Nachwuchsförderung, die sich die staatlich finanzierte Filmförderung eine Menge kosten lässt, ist es vergessen zu machen, dass die letzten Versuche, Goethe im Medium der Massenkultur zu etablieren, ebenfalls in die Binsen gingen. Das schlechte Personal, dass keine Rollen spielen oder inszenieren kann sondern immer nur sich selbst, ist dabei lediglich der fleischgewordene Niederschlag des Wunsches, nicht die Spannung und Identifikation ermöglichende Entwicklung der Charaktere darzustellen, sondern bloße Identität. Weil das aber nicht gelingen kann und aus dem neuesten deutschen Film immer wieder nur Filme mit Deutschen wurden, ist die Voraussetzung zum nächsten Versuch immer schon geschaffen. Die Fähigkeit, gescheiterter Vergangenheit neue Hoffnung abzuringen, ist die gleiche, die Herbert „ich bin deutscher als ich dachte“ Grönemeyer dazu brachte, ein Album „Bleibt alles anders“ zu nennen und mit der die deutsche Geistesgeschichte so eigenartige Strömungen wie den Jungkonservatismus hervorbrachte. Deren zentrale Zeitschrift hieß nicht zufällig „Die Tat“ und der Jungkonservatismus gilt zurecht als NS-Vorläuferideologie.

In seinem Element ist das deutsche Kino erst im Propagandafilm. Es handelt sich dabei zwar um genauso billige Machwerke, aber wenigstens entfällt dabei das Problem, dass die Spannung zwischen Form und Inhalt einen adäquaten Ausdruck im Werk finden muss. Wem es schwer fällt, in einem Streifen mit Uwe Ochsenknecht und Maria Furtwängler oder in einem Konzert von Wir sind Helden einen adäquaten Ersatz zum Griff zur Fahne zu sehen, lässt sich dann gerne von Ereignissen wie einem internationalen Fußballturnier in Beschlag nehmen. Dass ist weit genug von der Politik entfernt, um die frischen Wunden nicht wieder aufzureißen, aber als Kampf der Nationen nah genug am Krieg. Da verstehen dann auch wieder alle den nationalen Spaß.

Auf dem Gebiet der Wissenschaft sind nach dem Ausbruch des manifesten Geschichtsbewusstseins Heerscharen von Gesellschafts- und GeisteswissenschaftlerInnen damit beschäftigt, den im historischen Augenblick angerichteten intellektuellen Flurschaden in Bücher zu schreiben, d.h. in gesicherte Fakten zu verwandeln. Dass ist für die Fortsetzung des akademischen Betriebs auch dringend nötig, denn bei näherer Betrachtung sind die Phantasien der Sorte „blühende Landschaften im Osten“ und „serbische KZ im Kosovo“ ganz offensichtlich keiner Überlegung entsprungen, die bereit ist, nach den aktuell marktgängigen methodischen Postulaten etwa der Politologie beurteilt zu werden.

Es sollte daher angenommen werden können, dass die gemachten Äußerungen denjenigen, die sie fallen ließen, so peinlich sind wie Verkaterten ihr Benehmen am Abend zuvor. Von der Angst, dabei auch noch viel mehr ausgeplaudert zu haben, als es einem oder einer lieb sein kann, ganz zu schweigen. Als die Restlinke nach 1989 häufig „nationale Besoffenheit“ diagnostizierte, hegt sie wohl diese Hoffnung. Aber nichts da. Es gab keinen Kohl, der mal kleinlaut bei Hannelore nachgefragt hätte, ob er denn wirklich den Ostdeutschen damit gedroht hat, alles dafür zu tun, Industrieanlagen, die auf dem Weltmarkt keine Chance mehr haben, in Brennesselbiotope zu verwandeln. Was dann ja die Folge der Wirtschafts- und Währungsunion war. Insofern war also der Kohl’sche Spruch nicht von Beginn an eine Propagandalüge, sondern er wurde es erst durch die Ansicht, er sei nicht wörtlich zu nehmen sondern eine Metapher für wirtschaftliche Prosperität. Aber vielleicht war ja bereits damals die Bundesgartenschau in Wismut das Ziel aller Träume.

Genausowenig gab es Scharpings und Fischers, die die Angst beschlich, sie könnten mit ihrer Begründung für den ersten Angriffskrieg Deutschlands nach der Wiedervereinigung allzu viel vom unappetitlichen Innenleben der Ihrigen verraten haben. Kriegspropaganda fällt nur dann unter die Kategorie anlaßbezogene Lüge, die niemand mehr zu glauben braucht und die vergessen werden kann, wenn der Anlaß hinfällig geworden ist, wenn in ihr ausschließlich die Untaten des Gegners Erwähnung finden und mit denjenigen früherer Gegner in Beziehung gesetzt werden. Wer hingegen glaubt, es sei eine zweckmäßige Idee, einen Angriff auf einen Staat mit denjenigen eigenen Verbrechen zu rechtfertigen, die mit dem letzten Angriff auf diesen Staat einher gingen, ist entweder besonders dreist, oder aber völlig von Sinnen. Da Dreistigkeit aber etymologisch ohnehin von „zudringlich werden“ ableitbar ist, also nicht nur Skrupellosigkeit zur Voraussetzung hat sondern ebenso, dass die (sinnliche) Wahrnehmung der Reaktion eines Gegenübers auf das eigene Tun ausgeschaltet wird, dürfte der Unterschied zwischen diesen beiden Haltungen ohnehin nicht sonderlich groß sein. Es ist dies die Distanzlosigkeit, die der obsessive Drang zu Geschichte mit sich bringt.

Nicht weniger obsessiv ist eine Vergangenheitspolitik, deren ProtagonistInnen so tun, als sei es ein moralisch hoch anzurechnender Verdienst und eine besondere Qualifikation, in Zukunft auf die Vernichtung mehrerer Millionen Menschen nach Maßgabe des eigenen antisemitischen und rassistischen Gemüts zu verzichten. Das einzige, was die Landsleute mit dem Stolz auf ihre Vergangenheitsbearbeitung beweisen ist, wie schwer es ihnen gefallen war und noch immer fällt, jene Denk- und Verhaltensweisen im Zaum zu halten, die der Rest der Welt als Kennzeichen für den Nationalsozialismus ausgemacht hat.

Sofern sie nicht unmittelbar technokratische Herrschaftstechnik entwickelt, ist die Wissenschaft von der Gesellschaft und der Geschichte statt Aufklärung hierzulande also der sekundären Bearbeitung des kollektiven Seelenlebens verpflichtet. Den wichtigsten Sammelband darf herausgeben, wer als erster „Paradigmenwechsel“ geschrien hatte. Am besten noch während sich das Geschichtsbewusstsein in der manifesten Phase befindet, denn das wird selbstverständlich nicht als Kern des Symptoms angesehen, sondern als Anzeichen dafür gelesen, dass da jemand während des allgemeinen Taumels kühlen Kopf und Analysefähigkeit bewahrt hatte. Was folgt, ist die Ruhe nach dem nächsten Sturm.

Die Linke rätselt derweil, welchem herrschaftlichen Kalkül der letzte Ausbruch des Geschichtsbewußtseins nun wieder folgte und spürt den zahlreichen „Geschichtsfälschungen“ nach, die mit ihm einher gingen. All das liegt zumeist nicht völlig daneben, aber der spezifisch deutsche Sinn des ganzen Zinnobers enthüllt nicht die politische Analyse, sondern die ideologiekritische Deutung, die zu dem altbekannten Ergebnis führt, dass die deutschen Zustände „unter aller Kritik“[7] sind.

„Deutschland“ kann daher für die Linke kein Thema sein, wie etwa die Familie ein Thema der feministischen Kritik zu sein hat, weil sich in ihr als gesellschaftlicher Gegebenheit persönliche Dispositionen ergeben, die die Geschlechtscharaktere bestimmen, denen die Kritik gilt. Dementsprechend taugt der 3. Oktober auch nicht als Anlass, Deutschland als Thema zu behandeln. Die apolitische Verfassung der deutschen Ideologie, ihr irrealer Gehalt, entzieht die deutschen Zustände der politischen Bearbeitung. Der Vorwurf, die antideutsche Kritik habe nach der Verabschiedung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit einen neuen Hauptwiderspruch aufgemacht, ist falsch, weil es keinen spezifisch deutschen Widerspruch gibt, der politische Prozesse erklären könnte. Subjektiv plausibel wird er nur als Abwehr der Einsicht in die deutschen Zustände, weil die Unfähigkeit der hiesigen Öffentlichkeit, politische Widersprüche überhaupt wahrzunehmen, jedes Politisierungsvorhaben affiziert.

Wenn „die Antideutschen“ heute als eine ein-Punkt-Bewegung erscheinen, die die Linke mit den immer gleichen Themen Antisemitismus und Israelsolidarität nervt, ist dies die Kehrseite der Unfähigkeit der Linken, die Besonderheit der Umstände, unter denen sie agieren, wenigstens an Antisemitismus und Antizionismus, die tatsächlich Thema sein könnten, wahrzunehmen. Wenn der Teil der Linken, der der antiimperialistischen Regression nicht vollends erlegen ist, den 3. Oktober als Anlaß für eine Kritik an jeder Nation und an Herrschaft im Allgemeinen nimmt, nur um bei der nächsten Gelegenheit selbiges zum G8-Gipfel zu machen, ist daran nicht zu kritisieren, dass Deutschland Deutschland dabei nicht zum Thema wird. Denn geschähe dies mit den zur Verfügung stehenden Mitteln politischer Mobilisierung und mit dem Spruch im Hinterkopf, dass der Hauptfeind im eigenen Land steht, bliebe wirklich nichts als die „reine Ideologiekritik“, die allerorts gefürchtet wird. Zu kritisieren ist vielmehr, dass sie sich wieder darum drücken wird, den allgemeinen deutschen Schrecken an denjenigen Themen darzulegen, die sie sich zur Bebilderung der Nationenkritik ausgesucht haben. So würde wenigstens klar, unter welchen Bedingungen etwa Hartz-IV anzugreifen ist.

III. Deutsche Geschichte

Damit dies gelingt, müssten die historischen Auswirkungen der tatsächlichen nationalen deutschen Tat, der nationalsozialistische Vernichtungswahn, in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Bei Marx stand 1844 die Feststellung, dass die deutschen Zustände unter aller Kritik sind, noch in einer Reihe mit der, dass sie sich auch „unter dem Niveau der Geschichte“ befänden. Nun kann aber eine Feststellung, die Marx bereits vor dem Scheitern des Revolutionsversuchs von 1848 machen konnte, noch nicht die ganze Wahrheit über die deutschen Zustände heute sein. Nicht, dass an den Schriften, die Marx der deutschen Ideologie gewidmet hat, nicht auffallen würde, dass darin bereits die zentralen Elemente der aktuellen deutschen Ideologie vom humanitären Völkerrecht auf den Punkt gebracht sind: „Diese hochtrabenden und hochfahrenden Gedankenkrämer [die Junghegelianer, um die es in „Die deutsche Ideologie“ geht, jm], die unendlich weit über alle nationalen Vorurteile erhaben zu sein glauben, sind also in der Praxis noch viel nationaler als die Bierphilister, die von Deutschlands Einheit träumen. Sie erkennen die Taten andrer Völker gar nicht für historisch an, sie leben in Deutschland zu Deutschland und für Deutschland, sie verwandeln das Rheinlied in ein geistliches Lied und erobern Elsaß und Lothringen, indem sie statt des französischen Staats die französische Philosophie bestehlen, statt französischer Provinzen französische Gedanken bestehlen. Herr Venedy [vermutlich Jacob Venedy, deutscher Liberaler des Vormärz und als solcher bewusster Protagonist einer deutschen Nationalbewegung nach französischem Vorbild, jm] ist ein Kosmopolit gegen die heiligen Bruno und Max, die in der Weltherrschaft der Theorie die Weltherrschaft Deutschlands proklamieren.“ (MEW 3, S. 41) Die über das Nationale scheinbar erhabenen Gedankenkrämer sind heute unzweifelhaft so Gestalten wie Habermas, Herfried Münkler und überhaupt alle, die glauben, positiv gegebenes Völkerrecht auszulegen, wenn sie den USA das Kriegsrecht erklären.

Genauso sehr fällt aber auf, dass der aggressiv polemische Stil seine Kraft aus Marxens Wunsch zieht, dass deutsche Bürgertum würde endlich mal die Waffe zur Hand nehmen und seinen Job erledigen. Dass im Rückblick der Wunsch, dass die Landsleute besser beim Bestehlen der französischen Philosophie geblieben wären, an Attraktivität gewinnt, ist ihm nicht zum Vorwurf zu machen. Aber beibehalten werden kann die Grundkonzeption auch nicht. In der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, ein antideutsches Feuerwerk sondergleichen, überführte Marx die Einsicht, dass dieser Wunsch unerfüllt wird bleiben müssen, in die Hoffnung, dass das Proletariat daher zwar gegen die Deutsche Ideologie, aber auf ihrem Boden, die universelle Emanzipation der Menschheit vorantreiben wird, weil ihm gar kein anderer Ausweg bleibt. Die Zustandsbeschreibungen sind gnadenlos: „Ja, die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.“[8](Hervorh. im Original) Die Hoffnung war dafür umso größer: „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.“[9]

Letzteres blieb bekanntermaßen aus. Dass es die Deutschen 1871 tatsächlich schaffen sollten, nach der Beerdigung der Freiheit im nationalen Mythos eine Totgeburt zu feiern, weswegen das reine Produkt der Nation eine Vernichtungsmaschinerie wurde, konnte Marx nicht ahnen. Dass Deutschland denken Auschwitz denken heisst, drückt aus, dass nun auch das deutsche Volk eine Tat hat, die als historisch anerkennt werden muss. Die Welt drückte diese Anerkennung aus, indem sie Deutschland die nationale Souveränität entzog, aber gleichzeitig, die Dialektik der Aufklärung fortsetzend, ein Tabu über den Grund der Nicht-Souveränität verhängte. Dies entzog auch den jeweils eigenen Nationen den Boden. Ideologischer Ausdruck des Tabus war die UN Menschenrechtserklärung von 1948. Dort heisst es in Artikel 2: „Jeder Mensch hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer und sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen.“

Es ist dies die Neuformulierung der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ abzüglich des in strengem Sinne individuellen und bürgerlichen, also eine Neuformulierung nach der erfolgten Liqudation des bürgerlichen Individuums, dass sich in der Nation selbst vergewisserte. Die Unterschiede, von denen abgesehen werden soll, sind entindividualisiert, d.h. in ihnen sind die Resultate zum Beispiel der Rassenbiologie grundsätzlich als Fakt anerkannt. Dass auch von „politischer Überzeugung“ abgesehen werden soll, entzieht die aufgezählten Resultate der nationalen Formierung der Reflexion auf ihren gesellschaftlichen Gehalt und lässt sie als die Konstruktionen erscheinen, als die die dekonstruktivistische Theorie sie behandelt. So wird unmittelbare Geltung der Rechte proklamiert und gleichzeitig, im Gegensatz zur Zeit der bürgerlichen Revolutionen, ein substanz- und machtloses Ideal.

Mit anderen Worten: Der „nationale Nihilismus“, den die Deutschen sich so gerne von ausländischen JournalistInnen bescheinigen lassen, ist der der anderen Nationen. Weil sie sich selbst verpflichteten, von nun an im Menschenrecht von der nationalen Herkunft der Individuen abzusehen, mussten sie ihr eigenes nationales Bewusstsein derealisieren, um zur einen Seite hin antifaschistisch der deutschen Realität Herr zu werden, und zur anderen Seite hin die Einsicht zu vermeiden, dass die eigene nationale Konstitution und der deutsche Wahn der gleichen Gesellschaftsformation angehören. Bei den Deutschen hingegen blieb wie immer alles anders.

Andernorts hatte die Entsubstantialisierung der Nation durchaus positive Folgen. Die Notwendigkeit der Entnazifizierung wurde dort ernst genommen und mehr oder weniger freiwillig praktiziert, wo sie am wenigsten notwendig war. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, der antikoloniale Antirassismus und der Feminismus profitierten davon, dass Rassismus und Sexismus, den die nationale Einheit impliziert, keinen Segen mehr von der Legitimität des Staates erhalten. Die Abstraktion von der nationalen Herkunft der Einzelnen ist ein permanenter Einspruch gegen die permanente Aneignung der Genealogie der Generationen durch den nationalen Mythos. Weil die Einheit im Mythos aber nicht der Grund der Nation ist, ist das kein Anlaß, das Verschwinden der zugehörigen Ideologie anzunehmen. Und tatsächlich quillt sie aus jeder Pore der Weltgesellschaft der Nationen, um gleichzeitig vehement verleugnet zu werden. Am Ende wollen alle ihre Ressentiments immer im Sinne des Menschenrechts gemeint haben, weil sie doch nur auf die nackte Existenz der Fakten Rasse, Geschlecht und Abstammung verwiesen haben, die erst in der Abstraktion von ihnen zu diesen vermeintlich unbedeutenden Fakten wurden.

Die Kritik des Antisemitismus hat von dieser Logik nicht profitieren können. Obwohl Auschwitz, als Produkt des Antisemitismus, der unmittelbare Anlaß der Neufassung der Menschenrechtserklärung war, verschwand die Eigenart des Antisemitismus irgendwo zwischen der Abstraktion von „Rasse“ und „Religion“ und er konnte auch nicht vermittelt mitbehandelt werden, weil im antisemitischen Ressentiment ja gerade die abstrakte Vermittlung der Gesellschaft abgespalten wird und wahnhaft zu einer Besonderheit stilisiert wird. So konnte er sich als Antizionismus geopolitisch reproduzieren. An der UNO Antirassismuskonferenz in Durban lässt sich nachvollziehen, dass zwar nach dem gleichen Muster wie beim Rassismus niemand antisemitische sein will, aber gleichzeitig werden die Inhalte des Ressentiments offen erneuert. Israel, dessen Konstitution nicht nur historisch mit der Neufassung der Menschenrechtserklärung zusammen, sondern auch logisch mit ihr in eins fällt, ist, und das ist die aporetische Widerspruch seiner Entstehung, der einzige Staat, der sich die Abstraktion von der eigenen Nationalität nicht leisten kann. Deshalb muss es als Nation verteidigt werden. Der Rassismus, der Israel von der „Weltgemeinschaft“ vorgeworfen wird, ist die verleugnete Allgemeinheit der NS-Rassenideologie.

Was in Deutschland die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität war und der deutschen Ideologie zu neuem Selbstbewußtsein verhalf, war international der Bruch des Tabus über den Grund der deutschen Nicht-Souveränität. Auch hierfür steht der 3. Oktober. Die mit der Renaissance des Antisemitismus nicht nur im Nahen Osten verbundene allgemeine politische Regression hat ihre Voraussetzung darin, dass die den nationalen deutschen Interessen Schaden zufügenden Folgen nicht zu vergleichen sind mit denjenigen, die die Niederlage der realsozialistischen Staaten auf dem Weltmarkt und im kalten Krieg mit sich brachte. Von den aus dem Weltmarkt resultierenden verheerenden Lebensbedingungen im Trikont ganz zu schweigen. Wer als Meister der Krise aus dem allgemeinen Desaster immer als Exportweltmeister hervorgeht und überall Goethe-Institute abstellen kann, kann so falsch nicht gelegen haben.

Dass der coffee dermaßen to go ist, bedeutet nicht, dass die Linke in Deutschland einfach aus der hiesigen Ideologie auswandern kann. Weder zurück in den Klassenkampf noch auf klassisch internationalistische Weise, etwa in die südamerikanische Multitude oder unter umgekehrtem Vorzeichen islamismuskritisch in den Nahen Osten. Dies hat weniger etwas zu tun mit individueller Prägung, die mensch nicht so schnell losbekommt, als damit, dass Deutschland eben doch Weltgeschichte gemacht hat und die Perspektive von Marx aus der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie nur noch verschoben Gültigkeit haben kann. Nicht „In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen“, sondern „keine Art der Knechtschaft wird gebrochen werden, ohne dass Deutschland gebrochen wird“.

JustIn Monday


[1]http://www.bundestag.de/parlament/praesidium/reden/2007/014.html. Alle nicht weiter gekennzeichneten Zitate von dort.

[3]Vgl. hierzu den Text zu Geschlecht und Nation.

[4] Vgl. hierzu insbesondere S. 21, Sprechblase 12

[5]Kramer, Jane, Unter Deutschen, Briefe aus einem kleinen Land in Europa, Berlin 1996

[6]So aufgezeichnet von Wolfgang Pohrt in: „Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit“, Berlin 1992

[7]MEW 1, S. 380

[8]MEW 1, S. 376f

[9]Ebd., S. 391

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