Ist das Volk ein Paar?

September 13, 2008

Mehr Frauen als Männer hätten vor den Fernsehern gesessen und sich das Spiel Deutschland-Türkei während der vergangenen Männer-Fußball-Europameisterschaft angesehen, schlagzeilte die Bildzeitung wenige Tage nach dem Ereignis und feierte, dass „König Fußball immer weiblicher“ werde. Zwei Jahre davor hatten etliche Zeitungen stolz verkündet, dass der Anteil von Frauen beim öffentlich-kollektiven Hymne-absingen vulgo Fan-Feste beinahe die Hälfte betragen hatte. Die weiblichen Fans, hieß es in einer dpa-Meldung zur EM, hätten zum nationalen Rausch im „Deutschland-Bikini“ und mit „schwarz-rot-goldener Körperbemalung“ sehr wohl „ihren Teil beigetragen“ zur guten Laune. Was Publikum und Medienfuzzis intuitiv selbstverständlich, der Zusammenhang zwischen Nation und Weiblichkeit, ist in feministischen Diskussionen schon lange Gegenstand. „Wenn Nationen miteinander in Konflikt geraten“, formuliert die Sozialwissenschafterin Ruth Seifert, „wird Gender/Weiblichkeit regelmäßig politisiert und in Beziehung zur politischen Identität der Gruppe gesetzt.“ /1/ Oder um Anette Dietrich stellvertretend für viele andere zu zitieren: Die Nation werde „u. a. durch die duale Geschlechterordnung symbolisiert und repräsentiert.“ /2/ Dem entgegen zu halten ist jedoch, dass nicht in dieser oder jener Situation von Krieg oder Fußball-WM Weiblichkeit „politisiert“ wird und so zur Identifizierung, Symbolisierung oder Repräsentation der Gruppe taugt, sondern dass es überhaupt kein Denken oder besser: Fühlen von Nation gibt, das ohne Bezugnahme auf Frauen auskommt – wie umgekehrt Weiblichkeit als solche auf Nation verweist.

Die Entstehung der Nation und jene der Geschlechtscharaktere gingen historisch Hand in Hand und sie reproduzieren sich durch die Dialektik der Aufklärung hindurch permanent neu. Weiblichkeit und Nation gehören dem Bereich emotionaler Gewissheit an, beide sind Gewusstes, aber im bürgerlichen Denken nicht Befragtes. Während den liberalen Vertragstheorien des 18. Jahrhunderts klar war, dass sie einen logischen Beginn des Staates annehmen müssen (»Gesellschaftsvertrag«), lag die Nation stets eher im Bereich des immer schon Gegebenen. Der Dritte Stand, der bekanntlich Alles umfasste, ist vor dem Staat als seiner politischen Verfassung gedacht worden. „Ist die Nation doch zuerst da, ist sie doch der Ursprung von allem“, verkündete 1789 der Abbé Sieyes, in seinem berühmten Pamphlet Was ist der Dritte Stand? und fuhr fort: „ihr Wille ist immer gesetzlich, denn er ist das Gesetz selbst. Vor und unter ihr gibt es nur das Naturrecht.“ Dieser Wille befindet sich „im Naturzustand“ und braucht zu seiner Entfaltung „nur die natürlichen Merkmale eines Willens.“ /3/ Wie die Natur dem Willen, gehört die Freiheit dem Menschen als solchem an: frei geboren, aber überall in Ketten, die zu sprengen die Französische Revolution als Verwirklichung des Menschenrechts angetreten war. Angeboren oder natürlich heißt hier aber weder biologisch-organisch oder sonst in irgendeiner Form am leiblichen Körper, am Blutkreislauf oder an der Gehirnmasse haftend. Sprach die Aufklärung von Natur, dann meinte sie in diesem Zusammenhang nicht den Leib-Körper und seine Geschlechtsorgane, schon gar nicht Chromosomen, Kohlenstoffatome, Sternlein, Landschaft, Wald und Wiese, sondern das, von dessen Werden nichts gewusst wird und auch nichts gewusst werden darf. Natur, erklärte das Wörterbuch der Kritischen Philosophie 1801, heißt „soviel als der subjective Grund des Gebrauchs der Freiheit überhaupt (unter objectiven moralischen Gesetzen), der vor aller in die Sinne fallenden That hergeht.“ /4/ Dieser Grund bleibt der kritischen Philosophie, womit jene Kants gemeint war, so „unerforschlich“ wie er dem Einzelnen „allgemein als Mensch“ (ebd.) eigen ist. Natur bedeutete demnach nicht nur die Prädestination zur Freiheit, sondern ebenso den Gebrauch von Freiheit. Wer nicht dem Begriff vom allgemeinen Menschen entsprach, der oder die war nicht Natur, sondern der Gebrauch gesellschaftlicher Natur fehlte ihm oder ihr. Weiblichkeit war insofern nicht etwas, das »für Natur steht«, sondern kam nicht – wie auch alles, was der Aufklärung als »wild« und unzivilisiert galt – über das hinaus, was vor aller That liegt. Frauen wurde die Fähigkeit abgesprochen, ihre natürliche Freiheit als menschliche Wesen – soweit waren sie in die Gesellschaft eingeschlossen – auch zu gebrauchen. Weder schlicht dumm gehalten, noch aus dem Geltungsbereich der bürgerlichen Gesetze ausgeschlossen, blieb ihre Bildung dennoch folgenlos, weil es ihnen an der Intention zur Handlung, zur Anwendung und Gestaltung von Wissen und Gesetz zu mangeln hatte. Falls sich dieser Mangel nicht einstellte, wurden sie für bedrohlich gehalten.

Im bürgerlichen Mann hingegen vereinigten sich die Bestimmung zur Freiheit und deren Gebrauch zum Willen. Er versteht nicht nur das Gesetz – ob jenes der Natur oder des Staates bleibt sich hier gleich –, er kann es auch anwenden. Was die männlichen Einzelnen sich vor aller in die Sinne fallenden That zur Voraussetzung nehmen, ist das, was die bürgerliche Gesellschaft immer meint, wenn sie Natur sagt: Blind-Gesellschaftliches – Gewalt, die mit der Wandlung von persönlicher in abstrakte Herrschaft keineswegs verschwunden, sondern zum Geheimnis der Gesellschaft geworden ist. Was sich die Männer und mittlerweile auch die arbeitenden Frauen antun lassen müssen und als gebildete/r nach erfolgreicher Erziehung sich selber antun um Subjekt zu bleiben, muss entweder vergessen oder aber gewollt werden. Das mit sich selbst identische Individuum kann sich nicht im Medium der Vernunft auf die Voraussetzung seiner Identität beziehen, sonst wäre es weder vernünftig noch identisch. Liebe, nicht Logik überwindet diesen Graben. Worauf es sich bezieht ist weder das Andere noch ein Außen, denn die bürgerliche Gesellschaft kennt kein Außen: was danach aussieht, hat seine Form von ihr selbst bekommen. Hierzu hat das (männliche) Individuum kein funktionales Verhältnis und auch kein logisches: Von Argumenten hat sich weder die Nation jemals beindrucken lassen, noch das Geschlechterverhältnis, das sich durch alle Frauenbewegung und die im wesentlichen durchgesetzte rechtlich Gleichstellung von Mann und Frau hartnäckig erhält. Die Liebe zum notwendigen Zwang vermittelt die Weiblichkeit.

So, wie der Dritte Stand aber nicht abgewartet und auf das blinde Wirken der Natur vertraut hat, wussten die aufklärerischen Ratgeber zur Mädchenerziehung sehr genau, dass das Mädchen nicht einfach Frau ist, sondern eine solche werden muss. Härteste Disziplin war von ihr gefordert um ihre Natürlichkeit zu bewahren, was bedeutete nichts zu erlernen, was die systematische Beherrschung von Natur erlauben würde. Garten- und Handarbeit: ja, wissenschaftliche Biologie oder Konstruktion einer Spinnmaschine: nein. Das Kennzeichen künstlich gebildeter natürlicher Weiblichkeit war Abhängigkeit und das Mädchen des 18. Jahrhunderts sollte sich ihr nicht ohnmächtig unterwerfen, sondern freudig in die weibliche Pflicht einwilligen. Ergebnis des Weiblichkeitsdiktats ist, in Barbara Dudens Worten, „die psychische Zurichtung als eine Person ohne Ich.“ /5/ Auch der bürgerliche Mann kann sich nicht auf der Stabilität seines Ich ausruhen, seine Autonomie ist prekär. Die Brüchigkeit nicht fühlbar werden zu lassen, ist der Job der Frau. Deren abhängig-kindliche Verfassung hält dem Mann gegenüber nicht nur die Erinnerung an einen Zustand wach, der überwunden werden soll, sondern sie ruft auch ein Gefühl liebevoller Rührung hervor. Der Mann liebt darin etwas an sich selbst. Die Liebe ist jener Modus, in dem sich das identische Ich des Bürgers nicht schmerzhaft zerrissen erfährt, sie ist das Medium, in dem der Mann seinen Subjektstatus auch will. So betrachtet wäre die Ehe eine permanente Demonstration gelungener Selbst- wie Naturbeherrschung des bürgerlichen Mannes; nicht umsonst galt erst der verheiratete Mann als respektables Mitglied der Gesellschaft und als zuverlässiger Staatsbürger. Auch in einer Gesellschaft, in der Männer queer sein und Frauen arbeiten gehen dürfen, haben geschlechtliche Liebe und jene zum Vaterland dieselbe Quelle. Das sich durchsetzende Wissen um die Konstruktion der Geschlechter scheint nicht dazu zu führen, deren Abschaffung näher zu kommen, ganz im Gegenteil. Die Bemühungen, ein Beziehungsgen oder eines für Mathematik oder für sonstigen Kram zu finden, scheinen sich noch zu steigern – von den unerträglichen TV-Shows und Texten der Sorte »Warum Männer dies und Frauen jenes sind oder können« ganz zu schweigen.

Wusste das zur Macht drängende Bürgertum anderer Länder während revolutionärer Zeiten, dass die gesellschaftliche Natur herzustellen, d. h. aktiv in ihr Recht zu setzen ist, haben sich die mehr auf Evolution denn auf Revolution setzenden deutschen Bürger auf das Sein und nicht auf das Werden des natürlichen Willens zur Nation verlassen. Aus der tätigen, kämpfenden Nation, die sich gegen den ständischen Partikularismus durchzusetzen hatte, haben etwa die französischen Revolutionäre am Ende des 18. Jahrhunderts die konkreten Frauen mit einigen Mühen ausgeschlossen, um sie als allegorische Darstellungen des Vaterlandes, der Freiheit und sonstigem Unvergänglichem zu installieren. Die deutsche Nationswerdung kannte hingegen kaum politische Kategorien, die Deutschen konzentrierten sich auf die Anrufung des Unvergänglichen. Mangels eigenen revolutionären Tuns waren sie damit beschäftigt, entweder den partikularen Charakter der Nation in überschwänglichem Kosmopolitismus zu leugnen (Kant), oder sich gegen das revolutionäre Frankreich auf ein deutsches Wesen zu besinnen (Fichte). Zum Trost machten sie ihre Nation schließlich zum immer schon vorhanden gewesenen Volk. Vielleicht erschließen sich daraus die im internationalen Vergleich unglaublichen Spezifika deutscher Familienpolitik, die unbeeindruckt von Geburtenraten von der Angst geprägt zu sein scheint, die Deutschen könnten aussterben. Warum es die Einzelnen überhaupt beschäftigt, ob nach ihrem Ableben weiterhin noch kleine oder große Deutsche herumlaufen, lässt sich wohl nur damit erklären, dass der Drang, sich in der Zeit fortzusetzen weniger ein Verhältnis zu in Zukunft lebenden Menschen bezeichnet, als zur eigenen Person. Das hieße dann: Man höchst persönlich könnte aussterben, gäbe es keine Deutschen mehr. Der Unterschied der deutschen zur amerikanischen, britischen oder französischen Nation besteht diesbezüglich darin, dass erstere in ihrer Geschichte das bürgerlich-selbstbewusste Moment der politischen Handlung zur Herstellung der Nation kennen, während über die Deutschen immer schon das Schicksal hereingebrochen ist. Aber jede Nation bildet sich dadurch, dass die Bürger selber etwas Ewiges-Geschichtloses, Natürliches, an sich haben, sonst könnten sie keine Bürger bleiben. Gleichzeitig versichern sich die Einzelnen als Gemeinschaft dieses Ewigen an der Nation und damit sie es auch lieben können, bekommt es die Namen Marianne oder Britannia oder Germania.

Wie sich die Frau zum Mann verhält, so die Nation zum Staat: als sein gesellschaftlich gemachtes Natursubstrat, als das, woran Festigkeit und Dauerhaftigkeit gegründet wird. Nur Weib, Kind und Familie – in Deutschland darüberhinaus auch niedliche pelzige Tiere – sind imstande nationale Rührseligkeit auszulösen. Ohne Deutschland-Bikini keine Stimmung auf dem Fan-Fest, Abendbrot bereiten ist Bundesliga. Im Unterschied zum Staat, zu dem die Einzelnen ein mehr oder, insbesondere in Deutschland, weniger sachliches Verhältnis als steuerzahlende und wählende BürgerInnen haben, ist die Nation eine gefühlte Angelegenheit, eine Art erweiterte Familie, die erlaubt auch Wildfremden gegenüber persönlich-affektive Gefühle zu hegen. Verbindet die Familie den privaten, gefühl- und gemütvollen Menschen mit dem austauschbar-anonymen Arbeitenden – wofür rackert man sich denn ab, wenn nicht für die Kinder? –, so verschmilzt die Nation die Familien generationsübergreifend zum Staat. Die Nation gehört derselben Natur an wie die Weiblichkeit: mystifizierte gesellschaftliche. Von der Mystifizierung als Tätigkeit gar nichts mehr erfasst schließlich jene Gesellschaft, die Weiblichkeit auf körperliche Eigenschaften zurückführt. Die Geschichte des schwarzrotgold bemalten Frauenkörpers beginnt nicht mit der Gebärfähigkeit, sondern mit dem Stickrahmen des bürgerlichen Mädchens.

Wenn die Deutschen bejubeln, dass „König Fußball“ weiblich wird, ist das mitnichten Freude über das Bröckeln einer Männerdomäne oder gar als Pluspunkt auf feministisch-gesellschaftskritischer Seite zu verbuchen: Gerade weil es nicht um Fußball, sondern um deutschen Fußball ging – eine Trennung, die ohnehin nur bedingt haltbar ist –, zeugte die Anwesenheit der Frauen, unserer Frauen, von der nationalen Qualität des Spektakels. Weil das „Sommermärchen“ der verkniffen-lockeren Deutschen so nahe am Kriegspielen war, haben so viele Frauen unsere Jungs unterstützt: Zwar nicht im Lazarett verwundete Helden pflegend, haben sie doch qua Bemalung und Bikinis in den Farben der Nationalfahnen an der Heimat-Fan-Front für die Aufrechthaltung der Stimmung gesorgt und dadurch ganz offen demonstriert, was Weiblichkeit im Kontext der Nation bedeutet: das, woran deren Einigkeit zu beweisen ist.

M.D.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der McGuffin Foundation.

Anmerkungen:

/1/ Seifert, Ruth: Weibliche Soldaten: Die Grenzen der Nation und die Grenzen des Geschlechts, Artikel aus: Ahrens, Jens-Rainer et al (Hrsg.): Frauen im Militär. Empirische Befunde und Perspektive zur Integration von Frauen in die Streitkräfte, Wiesbaden 2005.

/2/ Dietrich, Anette: Weiße Weiblichkeiten. Konstruktion von »Rasse« und Geschlecht im deutschen Kolonialismus, Bielefeld 2007.

/3/ Sieyes, Emmanuel Joseph: Was ist der Dritte Stand? in: Ders.: Politische Schriften 1788-1790, München/Wien 1981.

/4/ Mellin, George Samuel Albert: Enzyklopädisches Wörterbuch der Kritischen Philosophie oder Versuch einer fasslichen und vollständigen Erklärung der in Kants kritischen und dogmatischen Schriften enthaltenen Begriffe und Sätze, Bd. 4, Repr. Aalen 1971.

/5/ Duden, Barbara: Das schöne Eigentum. Zur Herausbildung des bürgerlichen Frauenbildes an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, in: Kursbuch Nr. 47, Berlin 1977.


137 Jahre deutscher Volksgemeinschaftswahn

September 12, 2008

Zu den nationalen Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 2008 in Hamburg

Deutschland du bist doch / acht Meilen hoch / das schlechteste Land der Welt“ (F.S.K.)

Deutschland ist von Beginn an die prozessierende Konterrevolution geworden. Die Basis für die Reichsgründung 1871 in Versailles bildete die Niederschlagung der Pariser Commune, eine gemeinsame Aktion mit den zuvor besiegten französischen Truppen, gipfelnd in dem Massaker an 30.000 Kommunard_innen, die sich bereits ergeben hatten. Doch die Deutschen wollten mehr. Zwischen 1904 und 1908 brachten sie als Kolonisatoren im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, über 60.000 Hereros und 10.000 Namas um. Da für die Deutschen das, was sie bereits hatten, nie gut genug war, zettelten sie 1914 den ersten Weltkrieg an, der fast 10 Millionen Menschen das Leben und Deutschland endlich seine Kolonien sowie das immer noch als „deutsch“ geltende Elsass und unter anderem die seither als Verlust betrauerten Ostgebiete, Teile des heutigen Polens, kostete. Die Ansätze von Räten in verschiedenen deutschen Städten 1918/19 im Zuge der Novemberrevolution wurden von Freikorpsverbänden unter tätiger Mithilfe der SPD-Regierung zerschlagen und ihre bewusstesten Aktivist_innen zum großen Teil umgebracht. Der Geburtsort des expansiven Deutschen Reiches, Versailles, wurde der sich ständig modernisierenden aber niemals zu sich selbst kommen könnenden Volksgemeinschaft zum Schandfrieden, dem man lieber den totalen Krieg entgegensetzte. Dieses Mal starben 60 Millionen Menschen am deutschen Wahn, die Welt beherrschen zu wollen.

Es gibt kein deutsches Wesen. „Deutsch“ erklärt nicht, „deutsch“ bedarf der Erklärung – weil die Deutschen sich nicht bloß untereinander austoben, sondern in die Welt marschieren. Deutschland ist der Inbegriff des Schlechten im Allgemeinen, der immer schon mörderischen Seite an Nationalstaat und Kapital. Der Nationalsozialismus, diese wahrhaft deutsche Revolution, machte ernst mit der Volksgemeinschaft, deren Schuld am Holocaust das zur Demokratiegemeinschaft verschweißte BRD-Volk zusammenhält. Weil Deutschland darauf basiert und seit 1989 auch noch stolz mit seiner Schuld hausieren geht, ist seine Geschichte die von 137 Jahren Volksgemeinschaftswahn.

Während es den Deutschen irgendwie auch immer wieder um Lebensraum für ihr Volk und seine Nachkommen ging, machte sich ständig neue Unsicherheit breit: Sind sie wirklich ein Volk? Und, ob der zahlreichen Volksfeinde im Inneren und Äußeren: Mit welchen Vernichtungs- und sonstigen Methoden können sie sich versichern, dass es da ganz bestimmt überhaupt keine Zweifel dran geben kann? Sie blicken auf andere Nationen und die dortigen Taten der historisch mitunter heroischen Bourgeoisie, um sich auch von dort nur das Ewige an der Nation abzuschauen.

Von 1945 bis 1989 konnten die Deutschen nicht ganz so groß rumtönen mit ihrem Nationalstaat, hinterließ doch die von ihnen sogar gegen eigene Kriegsinteressen durchgeführte gezielte Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden einen schalen Beigeschmack, der beim sich-selbst-Feiern störte: Im Ausland kommt das dann immer so schlecht an. Doch damit ist es seit dem wiedervereinigten Deutschland vorbei. Hier heißt nix mehr verschämt Bundes- oder sonstwie-Republik, seit 1989 ist man einfach wieder: Deutschland. Und spätestens 1999 zeigte sich wieder, was das hieß: Serbien angreifen, zum dritten Mal in jenem Jahrhundert. Und von hungerleidenden Ausländern, die man am besten gleich an den Grenzen abknallt oder sonst eben auf der Straße zu Matsch haut, oder von Juden und Jüdinnen, die ständig mit dem nun doch wirklich bereits lange als deutsche Tat akzeptierten Holocaust herumnerven und nebenbei in Form des Staates Israel gemeinsam mit den USA den Weltfrieden gefährden, möchte man sich in seinem so friedlichen deutsch-Sein nun wirklich nicht stören lassen.

Heimat Ressentiment

Die heimattümelige Sehnsucht der Deutschen danach, ein Volk zu sein, wiederholt sich immer wieder als Pogrom. Früher konnten sie ihre eigene Definition der Volksgemeinschaft als reiner Rasse ohne Einflüsse „von außen“ nie erfüllen. Weil das logische Problem, dass die bereits „vermischten Rassen“ durch Ausmerzung des als das Fremde Ausgemachten irgendwie rein werden soll, noch nie einen Anhänger der völkischen Ideologie aus dem Gleichgewicht gebracht hat, bewegen die Deutschen sich heute asymptotisch von der Rasse weg. Der Widerspruch ist Programm: Da das Ziel, Volksgemeinschaft zu sein, praktisch unerreichbar ist, steht die Anstrengung, eine zu werden, im Vordergrund. Das Streben nach Einheit findet wie überall auch in Deutschland seine logische Grenze an der arbeitsteiligen Spaltung der Gesellschaft, deren Mitglieder in Konkurrenz zueinander stehen. Anderswo vermittelt sich die Einheit durch die Interessen einzelner und Gruppen hindurch. Die Deutschen jedoch haben selbst da, wo sie sich in Interessenvertretungen organisieren, stets unmittelbar das große Ganze im Kopf. Fällt ihnen dann auf, dass es trotzdem mit der Einheit der Volksgemeinschaft nicht klappt, verwandeln sie die politische Rationalität der Herrschaft, die sie nur tun, mit der sie aber nichts zu tun haben möchten, in Machenschaft: An irgend jemandem muss es ja liegen, dass es nix wird – und da der und die einzelne jeden Tag ordentlich arbeiten gehen, immer das Treppenhaus fegen und Arbeit für Selbstverwirklichung und Reinigungsdienst auf nationaler Ebene halten, müssen es irgendwelche Störenfriede sein, welche das große gemeinsame Ziel verhindern. Und so bildet sich das Gemeinsame der Gemeinschaft am Ressentiment. Es richtet sich gegen alle Faulen, Arbeitsunfähigen und –unwilligen, Drogenkonsument­_innen und andere Leute, an denen festzumachen ist, dass sie nicht dazugehören. Leichter machen es sich der und die Deutsche, wenn sie optische Zeichen anbringen, die ihnen bedeuten, wer nun eigentlich zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Sie kennzeichnen bestimmte Leute als schwarz oder farbig, folglich als Ausländer, und die kriegen nicht nur einfach Scheißjobs auf unterstem Lohnniveau, sondern sie sollen vor allem raus. Für den Arbeitsmarkt nützliche und hochqualifizierte Fachkräfte sollen wiederum ins Land geholt werden, aber damit die sich überhaupt hertrauen muss schnell noch das Image ein bisschen aufpoliert werden, und so hängt das neue multikulturelle Selbstverständnis der Deutschen sich ein paar Stars, die zwar irgendwie auch Ausländer sind, aber auch total wichtig für uns, als Aushängeschild an die Tür. Die demonstrative Toleranz hindert Staat und Zivilgesellschaft keineswegs daran, den völkischen Rassismus in Arbeitsteilung zu exekutieren: Der Mob prügelt, der Staat schafft das Asylrecht ab und schiebt die Asylbetrüger in irgendwelche Länder, in die sie qua Hautfarbe gehören könnten, ab. Wenn die Ausländer hier keinen ordentlichen Aufenthaltsstatus haben dürfen die gar nicht arbeiten, das macht das Modell dann gleich noch einfacher.

Der Triebverzicht, der nötig ist, um arbeiten zu können, wird aber durch die kleinen Freuden des Kapitalismus wie Chardonnay oder Eigenheim nicht aufgewogen. Doch zur Kenntnis genommen werden kann er von den Anhänger_innen der deutschen Ideologie auch nicht: Er muss zum Verschwinden gebracht werden. Denn sonst müsste man sich ja eingestehen, dass mit dem Ganzen etwas nicht stimmt. Das kann ja aber nicht sein, da Kapitalismus – und man möchte bekräftigen: gerade in seiner rheinischen Ausprägung – bekanntlich dafür da ist, dass jeder sein Auskommen hat und es allen gut geht. Die Unzufriedenheit, die sich als Rückseite des Schlimmen, das sich jeder antun muss, um zu arbeiten, breit macht, muss ständig verdrängt werden. Wiederkehren tut sie als Antisemitismus und spaltet den vom Deutschen imaginierten Juden, der ganz ohne zu arbeiten trotzdem reich ist, von sich ab. Zinsen und Finanzkapital, die müssen dahinterstecken, dass die eigene superproduktive Arbeit trotzdem nicht zu Glück und Reichtum führt. Je nachdem, wo sich die geknechteten Deutschen nach 1945 politisch so betätigen, müssen sie sich dann immer mal wieder frei schlagen und ein paar Molotowcocktails auf jüdische Gemeindezentren schmeißen oder Juden und Jüdinnen, die auch noch die Dreistigkeit besitzen ihrer Religion in irgend einer Weise optisch Ausdruck zu verleihen, direkt angreifen. In der eher sozialdemokratischen Variante begnügt man sich als feingeistige Leser_innenschaft der Frankfurter Rundschau damit, über die Ostküste zu schimpfen und Israelis für die neuen Nazis zu halten, die noch nicht mal (wie man selbst) aus Auschwitz gelernt haben, und ihnen mal zu erklären, wie das so geht mit einem friedlichen Staat.

Die Deutschen und ihre Kultur

Das Ressentiment gegen Fremde als Stabilisierung des Eigenen ist jedem Nationalgefühl eigen. Die Nation teilt sich in „Kultur-Mann“ und „Natur-Frau“, die in der Familie zu einem Ganzen werden. Die Deutschen machen sich jedoch auf besondere Weise zur Natur: Ihnen ist auch das Kulturelle so natürlich wie anderswo nicht einmal das, was als Natur gilt. Und je mehr man sich zur Natur macht, desto stärker fühlt man sich vom Abstrakten bedroht. Im Gegensatz zu Ländern, die ihr Staatsbürgerrecht auch nach dem Territorialprinzip organisiert haben, bleibt das deutsche Staatsbürgerrecht Blut und Boden verhaftet. Selbst wer schon ewig in Deutschland wohnt und qua Einbürgerungstest beweist, dass er oder sie so denkt und handeln würde wie ein guter Deutscher, kann nicht einfach einen Pass bekommen: Ganz oder gar nicht, lautet die Devise, und so darf er oder sie nicht doppelagentengleich Mitglied eines anderen Staates sein sondern muss deutsch werden – und wird doch dieses Ziel in den Augen der Deutschen niemals erreichen können. Auch Integration ist hierzulande nachhaltig.

Da die Deutschen nie eins waren oder sind und als Gemeinsames nur den Wunsch haben, eins zu werden, ist das Konstrukt ihrer Einheit extrem fragil. Schon der Nicht-Wunsch nach diesem Ziel macht es angreifbar, weswegen die offensive Verweigerung am nationalen Delirium teilzunehmen bereits geächtet ist. Wo ein Sein nicht zu erreichen ist, wird es zumindest exzessiv behauptet und sich im reinen Streben (brüderlich mit Herz und Hand) danach geübt. So konnte nach der Halbfinalniederlage der deutschen Männer-Nationalmannschaft in der Fußball-WM 2006 auch das Spiel um Platz 3 bei den Deutschen wie ein Weltmeistertitel gefeiert werden – schließlich ging es ums Siegen an sich, egal wobei. So, wie im Fantum ein temporäres Sein erreicht wird, müssen auch politische Ereignisse naturalisiert werden. In Deutschland glaubt niemand eine politische Begründung, warum Krieg zu führen ist. Deswegen wurde auch im Kosovokrieg von 1999 Serbien natürlich nicht wegen schnöder Machtinteressen angegriffen – man ist ja eine Kulturnation. Und die hält es mit Moral. Die Deutschen blicken im Gegensatz zu Ländern, in denen irgendwann mal eine bürgerliche Revolution stattgefunden hat, auf keine Erfahrung zurück, in der sie mal selbst etwas getan hätten außer irgendwo draufzuschlagen. Sie begreifen sich vollkommen als Opfer, und Länder die explizit nationale Interessen verfolgen – da fällt den Deutschen dann die USA und Israel ein – finden sie eklig. Dass Deutschland selbst aus dem Zweiten Weltkrieg objektiv als Modernisierungsgewinnler hervorging, während man sich subjektiv nur an die Trümmerhaufen erinnert, führte dazu, dass auch das neue deutsche Selbstverständnis als offensiv weltoffen, friedensliebend und moralisch von keinem Arg getrübt ist. Und wenn eine solche Nation Krieg führt, ist es eigentlich gar kein richtiger Krieg, weil „Nie wieder Krieg“ hieße ja schließlich auch „Nie wieder Faschismus“, und wenn man irgendwo Faschismus am Werke sieht, bedeutet das zwar „Krieg“, aber auch gleichzeitig „Nie wieder Faschismus“ und deswegen auch „kein Krieg“. Deswegen sind die Deutschen auch so große Anhänger der UN-Mandate, die stellen nämlich sicher, dass es sich bei den Kriegen, an denen Deutschland neuerdings so teilnimmt, eher um so etwas wie menschenfreundliche Aktionen, was in Deutschland gerne mit „humanitär“ bezeichnet wird, handelt. Dementsprechend findet es niemand ein Problem, dass Deutschland weltweit nach den USA am meisten Soldaten im Auslandseinsatz hat. Die Bundeswehr gerät in deutscher Sichtweise zu einer Art Technischem Hilfswerk für den Auslandseinsatz. Dass, während die Deutschen sich in ihrer neuen Toleranzidentität präsentieren, in den national befreiten Zonen der Mob tobt, schließt sich dabei nicht aus. Im Gegenteil: Das Selbstverständnis als geläutert und moralisch führt gerade dazu, sich mit dem, was real so passiert umso bestimmter nicht auseinandersetzen zu müssen. Der Tipp von migrantischen Organisationen, in Ostdeutschland abends lieber nicht allein auf die Straße zu gehen, führt so bei den Deutschen nicht zu einer Kritik am Bestehenden, sondern dazu, sich dieser Nestbeschmutzung zu verwehren. Noch jedes Moment politischer Auseinandersetzung versinkt im Sumpf des händeringenden Identitätsbedürfnisses der Deutschen.

Der 3. Oktober ist ja eigentlich ein eher politiknaher Feiertag, weswegen er auch nicht dieselbe Massenbegeisterung hervorruft wie beispielsweise das Überstehen der Vorrunde in der Männer-Fußball-Europameisterschaft 2008. Trotzdem bestätigt das jährliche Feiern immer wieder die Überwindung der unnatürlichen Teilung bis 1989, indem sich durch das Feiern vergewissert wird, dass es etwas Gemeinsames gibt. Die Leerstelle dieses Gemeinsamen, von der die Deutschen selbst nicht so richtig wissen, was es eigentlich sein soll was sie da behaupten, füllen sie durch das Wort „Kultur“. Der Deutsche ist ja ein Kulturmensch, der sich praktisch für jede Art von Kultur interessiert und insbesondere auch für Völker, die viel Kultur haben. Das schafft er, ohne sich für ein einziges bestimmtes Stück oder Werk zu interessieren, dieses zu befragen oder sich von etwas verstören zu lassen. Der deutsche Begriff von Kultur verhält sich gegenüber der Gesellschaft wie ein reiner Ästhetizismus gegenüber der Kunst: So schön und kunstvoll, diese Kunst. Und auch als ein solcher drückt er sich aus: Es ist doch all überall viel Kultur in der Kunst. Die Deutschen gefallen sich im beeindruckt-Sein von der Bücherwand, der pompösen Darbietung oder auch der imposanten Hausfassade: Dabei ist es das von ihnen selbst abstrakt-überhöhte Gefühl von Kultur, welches sicherstellt, dass es sich bei diesem Ehrfurchtsgebietenden garantiert um etwas komplett Harmloses handelt. Denn es geht ja weder um etwas Spezielles noch gar um etwas Gesellschaftliches: „Kultur“ meint ein Allgemeines, aber ohne Gesellschaft dabei denken zu müssen.

Das neueste Manifest der deutschen Ideologie, das Einbürgerungsquiz, fragt ab, wer sich den Text „Deutschland, Deutschland über alles“ ausgedacht hat. Politisch skandalisieren? Wozu, wenn er doch Kultur ist. In jedem Fall war es ein großer deutscher Dichter.